Kultur : Grünen-Vorsitz: Gesucht, gefunden: Eine Frau für die Doppelspitze

Matthias Meisner

Fritz Kuhn hat schon länger Geschmack an Claudia Roth gefunden. Als der Vorsitzende der Grünen am Donnerstagabend genüsslich beim Abendessen mit Hirschbraten aus der Dübener Heide saß, wirkte er schon merklich entspannt. "Wenn die kandidieren würde", malte sich Kuhn die Bewerbung von Roth für den Parteivorsitz aus - und erinnerte daran, dass er die gelernte Dramaturgin schon seit 1974 kennt.

Kuhn und Roth hospitierten damals beide am Landestheater Schwaben in Memmingen - "Freiheit im Krähwinkel" hieß es, das 1849 erstaufgeführte Stück des zynisch-satirischen Autors Johann Nepomuk Nestroy. Es drehte sich um den Kleinbürgermief in deutschen Landen und ist damit, wie die voraussichtliche neue Parteivorsitzende der Grünen sagt, hoch aktuell. Kuhn und Roth liefen sich später noch sehr oft über den Weg, sie studierten gemeinsam Theaterwissenschaften in München. Der Realpolitiker und die Vorfrau der Linken hielten dann auch wieder den Kontakt, als sich Claudia Roth 1987 den Grünen anschloss. Aller Voraussicht nach werden die beiden Politiker von März an so eng kooperieren wie nie zuvor. Denn Claudia Roth ist die "Power-Frau", nach der gesucht wurde - nachdem Kuhns bisherige Ko-Chefin Künast zur Ministerin für Landwirtschaft und Verbraucherschutz berufen wurde. Schon in der Parteiratssitzung am Dienstag hatte der heimliche Grünen-Chef Joschka Fischer Andeutungen in Richtung Roth gemacht, eher aus Spaß, wie manche damals noch vermuteten.

Als der Außenminister am Freitag für ein paar Stunden auf der Klausurtagung der Bundestagsfraktion in Wörlitz vorbeikam, war die Sache bereits gelaufen. Nach dem zum Menü gereichten Vanilleeis mit heißen Rumkirschen hatte sich Kuhn lange mit seiner Parteifreundin Roth zusammengesetzt. Auch die anderen Spitzenleute der Grünen suchten am Abend auffällig den Kontakt zu der forschen Schwäbin - auch für Rezzo Schlauch und Jürgen Trittin war sie eine gefragte Gesprächspartnerin.

Am Freitagvormittag gab Roth dann zuerst den Bundestagsabgeordneten bekannt, dass sie sich in der Nacht zur Kandidatur entschieden habe: "Ich würde mich freuen, in einem starken Team dazu beitragen zu können, dass die Partei ein starkes Gewicht hat." Mit "aller Kraft und allem Herzblut" wolle sie den Job übernehmen, die langen Erfahrungen im EU-Parlament nutzen und wie bisher für eine Partei der Bürgerrechte streiten. Auch wenn sie dem linken Flügel angehört, wolle sie doch "sehr integrativ" in die Partei hineinarbeiten, den Reichtum der Partei "mit den ganzen Unterschiedlichkeiten" abdecken. "Eine starke Bewerbung", konnte Parteichef Kuhn bekannt geben.

Die kämpferische Ansage Roths gefiel auch den Bundestagsabgeordneten, die so ganz sicher noch immer nicht sind, ob SPD und Grüne vielleicht doch in einer Regierungskrise stecken. Die Parlamentarier begrüßten die Kandidatur mit Applaus. Fraktionschef Schlauch hatte in einer Art "Steckbrief" Anforderungen an die neue Parteivorsitzende skizziert. Als Kriterien nannte er Durchsetzungsfähigkeit, hohe Kompetenz und Teamfähigkeit - und sah Claudia Roth als "geradezu prädestiniert" für die Aufgabe an. Dass Roth noch scheitern könnte, glaubte wenigstens auf der Klausur in Wörlitz keiner. "Eine Gegenkandidatur ist schwer, wenn jemand so veritabel von linker Seite und Realpolitikern unterstützt wird", meint der Tübinger Abgeordnete Winfried Hermann. Dass Roth ihr Bundestagsmandat zurückgeben will, wie es die Parteisatzung vorsieht, bringt zusätzliche Punkte: "Die Partei wird sie dafür auf Händen tragen", ahnt die Dresdner Bundestagsabgeordnete Antje Hermenau.

Die Unterstützung für Roth scheint in der Tat so breit zu sein wie das unter Grünen selten vorkommt. "Auch die Realos trauen ihr zu, dass sie das ganze Parteispektrum mit abdeckt", lobt Umweltminister Trittin. "Eine starke und erfahrene Person", würdigt die neue Verbraucherschutzministerin Künast. Und Außenminister Fischer erklärt, bevor er in seine Dienstlimousine steigt: "Eine sehr gute Entscheidung". Er habe mit Roth bei der Erarbeitung der Richtlinien für Rüstungsexporte und in der Menschenrechtspolitik "gut zusammengearbeitet".

Nur Fraktionschefin Kerstin Müller wirkte etwas hektisch. Ihr Verhältnis zu Roth ist getrübt, beide gelten als Konkurrentinnen auf dem linken Flügel. Noch am Donnerstag hatte Müller in die Fernsehkameras gesagt, eine Kandidatin aus dem Osten wäre ein "gutes Signal" - und vielleicht an Undine Kurth gedacht. Der Quedlinburgerin, Mitglied des Bundesvorstandes, waren Ambitionen nachgesagt worden. Doch natürlich beugt sich eine professionelle Politikerin wie Müller den Fakten. "Wie ein Wunder" kam es der Fraktionschefin vor, dass so zügig eine neue Kandidatin gefunden wurde. Der Runde der Bundestagsgeordneten sagte Müller, dass sie das "richtig Klasse" finde.

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