Kultur : Grüner Parteitag: Kampfeslustig, warmherzig, lebensklug

Matthias Meisner

Ihre Aufregung kann Claudia Roth schlecht verbergen. Was anziehen an diesem Freitag zum Bundesparteitag? Grelles grün, wie sie es so oft und so gern trägt? Oder das dunkelblaue Nadelstreifenkostüm, in dem sie Mitte Januar am Rande der Fraktionsklausur in Wörlitz ihre Kandidatur bekannt gab? Wie wird sie rüberkommen auf der Videoleinwand, die erstmals bei einem Grünen-Kongress installiert wurde?

Seit Tagen feilt die 45-Jährige an ihrer Rede für Stuttgart - und macht klar, dass die Kandidatur für das Amt der Bundesvorsitzenden für sie alles andere als Routine ist. Und deshalb freut sie sich besonders, dass auch ein paar Musikerkollegen aus ihrer Zeit bei Ton, Steine, Scherben zum Parteitag kommen wollen. Und ihre Mutter, die ihr Geld als Pächterin einer Tankstelle verdient.

Keine linke Strömungstante

Tochter einer Benzinhändlerin? In Zeiten lautstarker Debatten um die Ökosteuer mag das nicht recht ins grüne Bild passen. Aber Claudia Roth ist sowieso keine, die sich leicht in eine Schublade stecken ließe. "Linke Strömungstante" wolle sie nicht sein, erklärte sie ihren Parteifreunden, als sie die Bewerbung für das grüne Doppel mit dem im vergangenen Jahr gewählten Parteichef Fritz Kuhn begründete. Auffallend viel Lob aus allen Parteiflügeln bekam Roth für ihre Kandidatur. "Die richtige Frau für unsere Stammwähler und unsere Hochburgen", meint Umweltminister Jürgen Trittin - wohl weil sie, ohne dogmatisch zu wirken, für die alten Ideale der Grünen streiten will. "Da gehöre ich wirklich zum Inventar", meint Roth.

Kampfeslustig, warmherzig, impulsiv, herzlich bis überströmend - so wird die in Ulm an der Donau geborene Claudia Roth beschrieben. Das gilt schon für die Zeiten, als sie noch der FDP nahe stand: Von 1971 bis 1990 war sie Mitglied der Jungdemokraten, ein Kapitel, das sie in ihrer offiziellen Biografie im Bundestagshandbuch nicht unterschlägt. 1987 trat sie den Grünen bei und machte rasch Karriere. Erst wurde sie Pressesprecherin der Bundestagsfraktion, 1989 ließ sie sich ins Europaparlament wählen und führte dort bis 1998 die grüne Fraktion.

Gut für das Lustvolle

Die Moral wurde schnell zu ihrem Gebiet: Schnell und treffend formulierte sie als Debattenrednerin in Straßburg, fühlte sich als "leidenschaftliche Europäerin". Sie engagierte sich gegen Abschiebungen, für das Grundrecht auf Asyl, gegen Rechtsextremismus und Rüstungsexporte.

Alles dies sind Themen, die sie auch nach ihrer Wahl in den Bundestag 1998 in den Mittelpunkt ihrer Arbeit rückte. Roth führte den Unterausschuss für Menschenrechte im Parlament - ein Amt, das sie mit der Wahl zur Parteichefin abgeben muss.

Fritz Kuhn hat mit Claudia Roth "sehr deutlich und sehr offen" über die Kandidatur gesprochen, die beiden kennen sich schon seit 1974, als sie gemeinsam am Landestheater Schwaben in Memmingen Regie führten. Für Kuhn gilt es gewiss als Vorteil, dass Roth auch das Lustvolle bei den Grünen verkörpert, die Mischung aus Verstand und Einsatz, die in der Politik so häufig fehlt. Ob ihr die Parlamentsarbeit fehlen wird? Das wohl schon, glaubt Roth. Aber es ist nicht das erste Mal in ihrem Leben, dass sie eine neue Herausforderung angenommen hat, obwohl sie ihre gegenwärtige Tätigkeit als erfüllend empfand.

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