Kultur : Grüner Wedding

Von wegen Sozialbau: Eine Berliner Ausstellung würdigt die restaurierte Gartenstadt Atlantic

Bernhard Schulz

2000 Plätze besaß die 1929 fertiggestellte Lichtburg, eines der größten Berliner Lichtspieltheater der Vorkriegszeit. „Im dicht bevölkerten Berliner Norden“ – so eine zeitgenössische Kritik – „unmittelbar am Bahnhof Gesundbrunnen, ist in kaum siebenmonatiger Arbeit ein Luxuskino entstanden, das den Vergleich mit den Lichtspielstätten am Kurfürstendamm nicht zu scheuen braucht.“

Die Lichtburg war das Herzstück der Gartenstadt Atlantic, was genau genommen ein Widerspruch in sich ist. Denn so grün die Großsiedlung mit ihren knapp 500 Wohnungen an der Bellermannstraße und in ihren Seitenstraßen mit drei Innenhöfen auch war – das Vergnügungszentrum Lichtburg bot eben jene Form der Massenunterhaltung der späten Weimarer Zeit, die den Gartenstadt-Verfechtern suspekt erschien.

Mit der Gartenstadt Atlantic gelang dem Architekten Rudolf Fränkel in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre gleichwohl eine beeindruckende Synthese aus Sozialwohnungsbau, Begrünung und Durchlichtung wie eben auch urbaner Dichte. Fränkel (1901–74) ist heute nahezu vergessen, Folge des mehrfachen Exils, in das ihn die Nazis bereits in jungen Jahren zwangen. Erst die Wiederherstellung, ja Auferstehung der Gartenstadt im Wedding, die im vergangenen Jahr abgeschlossen wurde, hat ihn wieder in die erste Reihe der Berliner Architekten der vermeintlich „goldenen“ Zwanziger zurückgeholt. Nun widmet die Werkbund-Galerie Berlin ihm und seinem Werk eine Ausstellung, begleitet von einer ausführlichen Publikation.

Die Sanierung des Atlantic-Komplexes hat weithin Anerkennung gefunden; nicht zuletzt deshalb, weil es den heutigen Eigentümern dieser (nach dem Krieg als ehedem jüdischer Besitz restituierten) Anlage darum zu tun war, den sozialen Gegebenheiten des heutigen Wedding Rechnung zu tragen. Gewinn wird das gemeinnützige Projekt nicht abwerfen; insofern ist sein Vorbildcharakter auf jene begrenzt, die sich der Allgemeinheit verpflichtet fühlen – wie die Eigentümergemeinschaft Wolffsohn, Nachfahren des ebenso idealistischen wie kaufmännisch versierten „Atlantic“-Bauherrn Karl Wolffsohn.

Die Restaurierung durch die beiden Büros bf-Architekten in Berlin und Würzburg – in der Werkbund-Galerie ausführlich dargestellt, aber für jedermann in situ zu bestaunen – stellt die ursprünglichen Qualitäten des Entwurfs eindrucksvoll vor Augen. Die zurückhaltende Farbigkeit der dem teils gebogenen Straßenverlauf folgenden Fünfgeschosser, das markante Eckgebäude zur Behmstraße, die spätexpressionistischen, in den letzten Bauphasen dann neusachlichen Details: Das will gesehen werden.

Denn die Atlantic passt nichts ins Schema der radikalen Siedlungen ihrer Zeit, jener als Wohnmaschinen geschmähten Zeilenbauten, „die man verschieben zu können glaubt, wohin man will“, wie es 1930 anerkennend hieß. Es ist gerade diese Zwischenposition einer gemäßigten Avantgarde, die zum Vergessen des Architekten beigetragen hat: Seine Bauten – daneben ein beeindruckender Wohnblock am Volkspark Schöneberg 1931/32 – adaptieren Elemente der Moderne, auch solche eines dezidiert urbanen Stils wie bei Mendelsohn, bleiben aber stets in ihr Umfeld eingebunden.

Die Ausstellung würdigt darüber hinaus die heutigen Anstrengungen, die zwischenzeitlich von Leerstand und Verfall bewohnte Gartenstadt durch nichtgewerbliche Nutzungen der früheren Ladenlokale aufzuwerten und wiederherzustellen, was einmal Hausgemeinschaft hieß. Sollte Berlin mit seinen Sozialsiedlungen der zwanziger Jahre als Unesco- Welterbe Anerkennung finden, darf die Gartenstadt Atlantic nicht fehlen.

Werkbund-Galerie, Goethestr. 13 (Charlottenburg), bis 24. November, Mo - Fr 15 - 18 Uhr. Gerwin Zohlen (Hrsg.): Rudolf Fränkel, die Gartenstadt Atlantic und Berlin. Verlag Niggli, Sulgen/Zürich, 36 €

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