Kultur : Grüße aus dem Paralleluniversum

Vor ihrer Londoner Versteigerung ist die Sammlung Beck in Berlin zu sehen

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Von Katrin Wittneven

Warum ein Mensch ein Kunstsammler wird, ist kaum zu ergründen. Es gibt die Strategen, die auf enorme Gewinnspannen spekulieren. Oder die manischen Anhäufer, die auch Kaffeekannen und Bierdeckel sammeln. Und die Professionellen, deren Kollektion wie im Vorbeigehen im Laufe ihres Berufslebens zusammenkommt: hier das Dankeschön eines Künstlers, da eine Edition, die das Artikelhonorar ersetzt. Aufregend sind aber allein die Sammler, die eine nicht fassbare blanke Leidenschaft für die Kunst packt – die „Besessenen“, wie sie Peter Sager in seiner 1992 erschienenen Sammlersammlung nannte. Dazu gehören auch Menschen, denen man von außen solch eine verborgene Passion gar nicht zutrauen würde.

Paul Beck war so ein Mann, der sich mit der Kunst ein Paralleluniversum aufbaute. 1987 geboren und in ärmlichsten Verhältnissen aufgewachsen, suchte er bereits in seiner Jugend Kontakt zu Literaten und Künstlern. Regelmäßig besuchte er den Karlsruher Maler Hans Thoma in seinem Atelier. Karriere machte Beck auf anderem Gebiet. Er baute ein erfolgreiches Unternehmen in der Heizungs-, Lüftungs- und Sanitärbranche auf. Doch die Nähe zur Kunst blieb. Zum Freundeskreis des Industriellen zählten Willi Baumeister, Käthe Kollwitz und Oskar Schlemmer. Der erklärte Gegner des Nationalsozialismus begann Kunst zu kaufen, vor allem solche, die plötzlich als „entartet“ galt. Unterstützung kann viele Gesichter haben: Von den Nachkommen Adolf Hölzels tauscht Beck einen großen Teil des Nachlasses gegen den Einbau einer Zentralheizungsanlage.

1949 stirbt Paul Beck, aber er hat seine Liebe zur Kunst vererbt: Der 1919 geborene Sohn Helmut wird erst Arzt, dann ebenfalls Unternehmer mit Sammelleidenschaft. Er vertieft die expressionistischen und abstrakten Komponenten der Sammlung. Wie sein Vater pflegt er engen Kontakt zu Kunsthistorikern und Künstlern seiner Zeit. Schon während seiner Soldatenzeit trifft der 20-Jährige in Paris einmal wöchentlich Kandinsky.

Über zwei Generationen ist nahezu unbemerkt eine eindrucksvolle Sammlung des deutschen Expressionismus und der Klassischen Moderne gewachsen, die nun nach dem Tod von Helmut Beck im letzten Jahr im Oktober bei Sotheby’s in London versteigert wird. Von Hauptwerken August Mackes, Alexej von Jawlenskys und Ernst Ludwig Kirchners bis zu Willi Baumeister, Oskar Schlemmer und Ernst Wilhelm Nay gibt sie ein eindrucksvolles Zeugnis der Kunst aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Mehrere hundert Zeichnungen, Grafiken und Aquarelle von Alfred Kubin, Käthe Kollwitz, Paul Klee, Max Beckmann und Max Pechstein kommen zum Aufruf. Allein 40 vor allem abstrakte Arbeiten von Adolf Hölzel machen die enorme Bedeutung des 1934 verstorbenen Künstlers deutlich, der zu den Lehrern Baumeisters und Schlemmers gehörte, aber auch Nolde und Kandinsky prägte.

Eine Kollektion seltener Handschriften, die Helmut Beck zusammengetragen hatte, versteigerte Sotheby’s bereits 1997 für einen Rekordpreis von 11 158 415 Pfund. Der Schätzpreis der Ausnahmesammlung, die erstmals auf den Kunstmarkt kommt, wird mit 13, 5 Millionen Pfund (20,9 Millionen Euro) angegeben. Doch auch wenn der kommerzielle Erfolg vorprogrammiert ist, wünscht man dieser ungewöhnlichen Sammlung vor allem, dass sie in leidenschaftlichen Händen bleibt.

Höhepunkte der Sammlung Beck, Sotheby’s c/o Commerzbank AG, Pariser Platz 1; 9. und 10. September, 10-17 Uhr. In den nächsten Wochen folgen Stationen in Köln, München, Wien und New York. In der ersten Oktoberwoche wird die Sammlung in London präsentiert, wo am 8. und 9. Oktober die Auktion stattfindet.

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