Kultur : Grüße von der Perleninsel

Der „Halbsurrealist“: Ausstellungen und ein Werkverzeichnis erinnern an den Maler Heinz Trökes

Michaela Nolte

Auf die Frage, wie seine Bilder entstehen, antwortete Heinz Trökes 1962: „Mit dem Pinsel, manchmal mit dem rechten Zeigefinger“. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Maler bereits zweimal an der Documenta sowie an der Biennale in Venedig teilgenommen, diverse Lehrangebote von Hochschulen ausgeschlagen, einige angenommen, doch zugunsten der eigenen künstlerischen Arbeit wieder aufgegeben. Freiheit und Abenteuer hat der 1913 geborene Rheinländer in der Kunst wie auch im Leben stets groß geschrieben. Unzählige Reisen führten ihn auf alle Kontinente, und seine künstlerische Handschrift wechselte er etwa so häufig wie seine Wohnorte. Die Rastlosigkeit mag ein Grund dafür sein, dass er als Maler einer phantastischen Abstraktion fast in Vergessenheit geriet, seine immense Stilvielfalt ein weiterer. Den Beitrag Trökes zur Nachkriegsmoderne würdigen anlässlich seines 90. Geburtstags zwei Ausstellungen sowie das erste Werkverzeichnis der Gemälde.

Die Freiheit des Künstlers, nur sich selbst verantwortlich zu sein, war Trökes steter Schaffenstrieb noch zwei Jahre vor seinem Tod im Jahr 1997. Eine Freiheit, die dem jungen Künstler gleich zu Beginn seiner Karriere offiziell vereitelt wurde, und die er vielleicht gerade deshalb zeitlebens vehement einforderte. 1938 schlossen die Nationalsozialisten seine erste Einzelausstellung in der Berliner Galerie Nierendorf und der Ausschluss aus der Reichskulturkammer folgte. So malte Trökes im Verborgenen weiter und reagierte auf die Zeitläufte mit Bildern von verblüffender Naivität, um nach dem Kriegsende mit surrealen Tendenzen zu einem der gefragtesten und einflussreichsten Künstler in Deutschland zu avancieren.

Als Mitinitiator und erster künstlerischer Leiter der Galerie Rosen wird er zum Wortführer der Berliner „Fantasten“ – eine Etikette, die dem Individualisten allerdings nie recht war. Er selbst nannte sich einen „Halbsurrealisten“, denn der weltgewandte Künstler wusste nur allzu genau, dass der Surrealismus seinen Höhepunkt überschritten hatte und dessen Protagonisten im eigenen Werk deutlich präsent waren.

Der Berliner Kunsthandel Jörg Maaß präsentiert in seiner aktuellen Ausstellung Gemälde und Arbeiten auf Papier, die zwischen 1945 und 1961 entstanden sind. Bei aller technischen Souveränität und faszinierenden Poesie verweisen gerade frühe Arbeiten wie „Im Glaskasten“ (25 000 Euro) auf die Figuren bei Max Ernst und die unwirtlichen Landschaften eines Salvador Dalí, erinnern Bilder wie „Phantome“ und „Luftblume“ (15 000 Euro) an Paul Klee und Joan Miró.

Als Trökes während eines Parisaufenthalts Anfang der fünfziger Jahre im Surrealisten-Kreis aufgenommen wird, hatte er sich bereits der Abstraktion zugewandt. Schon das 1948 entstandene brüchig-amorphe „Eisland“ (12 500 Euro) kündigt den Wandel an, welcher in der eigenwillig transparenten „Landschaft hinter Scherben“ (14 500 Euro) vollzogen ist und mit den Ibiza-Bildern ab 1952 seinen originären Stil entfaltet. Mit „Perleninsel“ oder „Grotesktänzer“ (18 000 und 20 000 Euro) finden informelle Anklänge im akribischen Duktus und der brillanten Farbgebung ein höchst eigenes kompositorisches Pendant.

Das 1139 Arbeiten umfassende Werkverzeichnis ermöglicht es, diese Entwicklung nachzuvollziehen und verdeutlicht bisweilen Epigonales im Frühwerk als „handfestes Interesse, das im Dritten Reich Versäumte nun gleichsam im Zeitraffer nachzuholen“. In der Folge kristallisiert sich eine künstlerische Vision heraus, die mit leuchtenden und zarten Tönen die Condition humaine umspielt, ohne dabei die Möglichkeit der Katastrophe auszublenden. Bei aller Heiterkeit und Strahlkraft geraten die Bilder so nie oberflächlich oder illustrativ.

Was das Werkverzeichnis vermissen lässt, ist die zeitgeschichtliche Brisanz Trökes. Denn so poetisch und harmlos die Bilder heutzutage anmuten, so leidenschaftliche Debatten entfachten sie Ende der vierziger Jahre. Die derzeitige Retrospektive im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, die diesem Aspekt in Katalog und Dokumenten Rechnung trägt, wandert Ende des Jahres in das Haus am Waldsee, wo die Wiederentdeckung von Trökes noch einmal museal vertieft werden kann.

Kunsthandel Jörg Maaß, Rankestraße 24, bis 31. Juli; Mittwoch bis Freitag 15–18 Uhr.

Markus Krause: „Heinz Trökes. Werkverzeichnis“ , Prestel Verlag, München 2003,

65 Euro.

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