Kultur : Grüße von Gott und Gagarin

Nicola Kuhn

Eine fremde Welt, eine andere Zeit: Hier gilt die zum kommunistischen Gruß geballte Faust noch etwas, hier haben Astronauten ihren Status als Nationalhelden nicht verloren. Und doch drehten Jane & Louise Wilson diese Szenen erst vor anderthalb Jahren - im Süden Kasachstans, wo Russland bis heute ein Raumfahrt-Areal unterhält, an dem nicht nur der Fall des Eisernen Vorhangs, sondern auch der technische Fortschritt kaum Spuren hinterlassen haben. Erstmals zeigen die britischen Zwillinge nun in Berlin ihre Verarbeitung der mitgebrachten Filmdokumente. Die Videoinstallation "Proton, Unity, Energy, Blizzard" und der dazugehörige 35-mm-Film "Dream time" haben ihren Europa-Start in den Räumen der KunstWerke in der Auguststraße. Im Anschluß an die analytische Kühle und Textlastigkeit der "Wehrmacht"-Ausstellung ist nun die Macht der Bilder zurückgekehrt. Nach der Aufsehen erregenden Videoinstallation des Amerikaners Doug Aitken im vergangenen Frühjahr präsentiert sich das Berliner "Institute for Contemporary Art" erneut als eine erste Adresse für internationale Premieren.

Dabei sind die Wilson-Zwillinge in Berlin längst keine Unbekannten mehr. 1997 weilten sie im Rahmen eines DAAD-Stipendiums in der Stadt und sammelten im ehemaligen Gefängnis der Staatssicherheit in Hohenschönhausen das filmische Material für ihre beeindruckende Videoinstallation "Stasi City". In zahlreichen Museen der Bundesrepublik war diese ungewöhnliche Auseinandersetzung mit den noch immer spürbaren Schrecken eines eigentlich verlassenen Ortes bereits zu sehen; darunter auch in Essen, wohin sie Klaus Biesenbach von den KunstWerken im Rahmen einer Berlinshow mitgebracht hatte. Auf eine Aufführung von "Stasi-City" in der Stadt des Geschehens selbst werden die Berliner auch weiterhin noch warten müssen. Mit der nun gezeigten Werkreihe über die russische Raumfahrt sind Jane & Louise Wilson bereits weitergegangen in ihren Untersuchungen besonders aufgeladener Örtlichkeiten, deren Geheimnis sie mit Hilfe von Schnitten, Schwenks und multiplizierten Einstellungen zwar nicht enthüllen, aber deren Aura sie sezieren. Dazu gehörte immer auch ein überraschender Auftritt der Schwestern selbst, die etwa bei "Stasi City" die Tonnen schweren Belastungen des Ortes durch ihr eigenes schwereloses Schweben konterkarierten.

In "Proton, Unity, Energy, Blizzard" sowie "Dream time" sind die Raketen die Akteure. "Hier brauchten wir keine Inszenierung", so die Wilsons, die dafür umso stupender die minutiösen Bewegungen etwa einer Rakete filmten, die in ihrem Hangar umgeschoben wird. Das Publikum, das beim hier dokumentierten Abschuss der ersten bemannten Mission zu der International Space Station zugelassen wurde, bildet eine ganz eigene Choreografie in der vom Nebel umhüllten Szene. Dabei käme man keinen Augenblick auf die Idee, es könnte sich hierbei um einen der erhabensten Augenblicke der russischen Raumfahrt handeln. Zu lächerlich wirken die mit Pudelmützen bekleideten Arbeiter, die den ersten Technikcheck durchführen, zu absurd das verrostete Gestänge, das die startende Rakete noch hält.

Was in westlichen Augen wie eine Parodie auf die High-tech-Welt wirkt, dient im Osten selbst im Postsozialismus noch als psychologisches Aufbauprogramm. Auch die Nachfahren Juri Gagarins, der vor über vierzig Jahren vom Kosmodrom von Baikonor aus als erster Mensch ins All startete, sind noch immer die Helden des Volkes. Welch messianische Bedeutung ihnen beigemessen wird, machte den Wilsons eine ironische Bemerkung ihres Übersetzers deutlich: "Wenn Lenin Gott war, dann war Gagarin Jesus Christus", hatte er ihnen gegenüber gescherzt. In ihrer auf vier Leinwände projizierten Videoinstallation haben die Schwestern dafür eine bemerkenswerte Metapher gefunden. In die Aufnahmen des trostlosen Raumfahrt-Areals haben sie sonnendurchglühte Bilder der unweit gelegenen muslimischen Gedenkstätte Korkytu-ata geschnitten, deren Beton-Bauteile ähnlich geometrisch wie das Düsenwerk einer Rakete angeordnet sind.

"Unser Hauptanliegen war es, weniger eine Dokumentation als ein Dokument zu schaffen", so Louise Wilson. Zugleich haben sie damit ein weiteres Dokument ihrer Zusammenarbeit vorgelegt. Neugierige Fragen nach der konkreten Form ihrer Kooperation blocken die Schwestern ab: Jede leiste zu gleichen Teilen ihren Beitrag. Der Vorteil sei, dass zwei Paar Augen mehr sehen als nur eins. Unterschiede gebe es trotzdem durch den doppelten Blick: Kleine Verschiebungen in der Komposition ihres Bilder-Kaleidoskops. Diese sind im Karussell der visuellen Eindrücke allerdings kaum noch wahrzunehmen. Was bleibt, ist weniger der Eindruck einer singulären Sicht als einer aufschlussreichen multiplen Betrachtung.

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