Grundsteinleger : Dem Verleger und Autor Wolf Jobst Siedler zum 85. Geburtstag

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Seinen heutigen Geburtstag wird er zu Hause verbringen. Schon lange behindern ihn Krankheit und Alter. Mit diesem leidigen Umstand mag ihn versöhnen – in einer seinen Lebensweg bestätigenden Weise –, dass es dasselbe Haus ist, in dem er am 17. Januar vor 85 Jahren geboren wurde; sein ganzes Leben hat Wolf Jobst Siedler hier verbracht. Ebenso kann er Genugtuung darüber empfinden, dass die Stadt, der er die Treue gehalten hat, unübersehbar an Statur gewinnt. Ihre historische Mitte, die er als Autor unermüdlich umkreist hat, wird wieder zum Mittelpunkt der Stadt, ihre Bedeutung für die Deutschen wächst, und selbst der Wiederaufbau des Schlosses, für den er – zusammen mit Joachim Fest – sozusagen den intellektuellen Grundstein gelegt hat, ist auf dem Wege.

Eine Entwicklung, die seine schlimmsten Befürchtungen widerlegt. Siedler hat sich an Berlin ja auch oft gerieben. Er sah die Stadt nicht wie Phönix aus der Asche aufsteigen, sondern als „Phönix im Sand“ stagnieren – so der Titel eines seiner Bücher. Und über die Hauptstadt-Entscheidung spottete er, sie sei der „Rettungsring“, den man einem vor sich hindümpelnden Gemeinwesen zugeworfen habe. All diese Invektiven sind, natürlich, Zeugnisse der Passion für die Stadt, die er kennt wie kein zweiter und der er mit seinem elegisch-streitbaren Temperament zugetan ist.

Dazu kommt der Türmer-Blick – frei nach Goethe, Lied des Türmers, Faust II ! – von der Warte des Alters. Der Sohn eines kaiserlichen Diplomaten, der Johann Gottfried Schadow und Carl Friedrich Zelter in seiner Ahnenreihe weiß, kann zurückschauen auf ein langes, erfolgreiches Leben, das gerade noch das ältere Deutschland mitbekam, bevor es im „Dritten Reich“ und im Krieg unterging. Es verlief dann nach 1945 fast im Gleichklang mit dem deutschen Wiederaufstieg, zunächst mit seiner Tätigkeit als brillanter Journalist – bei dieser Zeitung –, dann als Verleger, der bald zu den Größen der Branche gehörte. 18 Jahre hat er schließlich als Chef seines eigenen Verlags die geistige Landschaft der Bundesrepublik mitgeprägt. „Die Jahre, in denen ich zu mir selbst fand“, hat er in seinen Erinnerungen geschrieben, waren auch „die Jahre des Aufbruchs meiner Generation und des Aufbruchs Berlins“. Solche Übereinstimmung von Zeit und Leben ist selten. In Siedlers Fall hat sie den Grundton für ein Leben angeschlagen, das über die Jahrzehnte hinweg für eine geistig-kulturelle Welt einstand. Hermann Rudolph

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