Kultur : Grundverschieden einfarbig

Die blauesten Augen Amerikas: zum Tod des großen Hollywood-Schauspielers Paul Newman

Kerstin Decker

Glaubte Amerika nicht immer, es sei wie er? Ganz auf Tat gestimmt, kein Intellektuellen-Typus – und doch nicht ohne Tiefe. Schon gar nicht ohne Seele. Ein wenig zu lässig fast, aber nicht aus mangelndem Formbewusstsein, im Gegenteil: aus Höflichkeit. Man verunsichert seinen Nächsten nicht mit dem Übermaß der eigenen Kraft, man kennt sie. Ein kluger, entschlossener Geschäftsmann, dieser Gebieter über ein ganzes Saucen-Imperium – zum Nutzen der Allgemeinheit. Geschwindigkeitsverliebt, mit einer Art Abonnement auf die ersten Plätze. Newman gewann noch mit siebzig Jahren das 24-Stunden-Autorennen in Daytona. Bei alledem: ein wenig blauäugig schon. Sehr blauäugig sogar. Man konnte in alle Zukünfte schauen, alle Ziele erreichen, aber nur ausnahmsweise schwarz sehen mit diesen Augen. Haben geborene Glückskinder, Amerika oder er, denn andere nötig?

Sein Land weiß es nicht mehr genau. Und Paul Newman war ohnehin farbenblind. Vielleicht ist er nur darum Paul Newman geworden. Die US Army wollte keinen farbenblinden Piloten, und so wurde der junge Mann aus Cleveland, Ohio, der sich 1943 freiwillig gemeldet hatte, im Zweiten Weltkrieg Funker.

Aber das ist kein Beruf, das ist eine Notlösung. Botschaften verschickt man anders. Am besten mit sich selbst als Einsatz, das wusste er wohl schon, als er sich 1953 an Lee Strasbergs berühmtem Actors Studio bewarb und sofort genommen wurde. Newman hatte von seinem Vater, einem jüdischen Geschäftsmann, den Sportartikelladen der Familie geerbt und verkaufte ihn für die Schauspielerei, vielleicht nicht ohne Genugtuung. Vater und Sohn hatten sich nicht sehr gut verstanden. Paul Newman muss den jugendlich-uralten Verweigerer-Blick, mit dem er dann in der „Katze auf dem heißen Blechdach“ auffiel, seiner ersten wirklich großen Rolle, früh trainiert haben. Weltverweigerung inklusive. Auch das konnten diese Augen: Unüberwindliche Mauern aufrichten. Jeder Mensch ist seine eigene Festung.

Natürlich, dieser Blick lag in der Zeit. Marlon Brando konnte so schauen, und James Dean erst recht. Und doch hat auch Paul Newman erreicht, was nicht vielen Schauspielern in ihrem Botschafterberuf gelingt: nicht mehr das Medium – gern auch das unvergleichliche Medium – , sondern irgendwann selbst die Botschaft zu sein.

Und er machte daraus, was die wenigsten in seiner Situation schaffen: Er blieb einfach er selbst. Kein Skandal, kein Glamour, keine Ausschweifungen, keine Indiskretionen, nichts. Und über fünfzig Jahre dieselbe Frau. Der einzige Skandal war wohl, dass Präsident Richard Nixon ihn auf Platz 19 seiner Schwarzen Liste setzte. Aber das wiederum begriff Newman als Auszeichnung, denn ihm ging es wie vielen Hollywood-Schauspielern bis heute: Sie denken meist etwas anders als ihre Präsidenten. Newman dachte insbesondere über den Kalten Krieg und das Wettrüsten anders als Richard Nixon und berief ein Abrüstungsexpertenforum ein.

Am Anfang deutete nicht viel auf soviel Eigen-Sinn. Schön war er, gewiss, aber war er denn originell? War er nicht die idealtypische Besetzung für genau diese Rolle: Einer-der-aussieht-wie? Einer-der-ist-wie? Er hatte die blauesten Augen von allen, und doch war er im Zeitgenössisch-Schauen gegen James Dean und Marlon Brando klar unterlegen. Brando, nicht er, bekam die Hauptrolle in „Die Faust im Nacken“. Und in den James-Dean-Filmen gab man ihm nicht einmal die größte Nebenrolle.

1954 erschien Paul Newman zum ersten Mal auf der Leinwand: als griechischer Sklave in dem Sandalen-Film „Der silberne Kelch“. Denn Warner Brothers hatten entdeckt, dass Newmans Profil auf jeder antiken Vase durchgehen würde. Vielleicht deshalb hat er, der den „Silbernen Kelch“ zum schlechtesten Film der fünfziger Jahre erklärte, sein Gesicht später ohne Zögern auf Salatsaucenflaschen abbilden lassen. Auch handelte es sich um antikes Salatdressing, „Caesar’s, und außerdem gehörte „Caesar’s“ zu Newmans Lebensmittelproduktpalette „Newman’s Own“. Der Freizeitkoch fand irgendwann angesichts des Angebots amerikanischer Supermärkte, dass man nichts essen sollte, was man nicht selbst hergestellt hat – und andere sollten das besser auch nicht tun.

Den Erlös, beschloss Newman, könnte man der Aids-Forschung, Schulen für Immigrantenkinder und Behinderte sowie der Drogenprävention zukommen lassen. Nur dass der finanzielle Erfolg von „Newman’s Own“ seit 1982 – vor zwei Jahren waren es mehr als zweihundert Millionen Dollar – längst den seiner Filme überflügelt hat, fand er dann doch „irgendwie erniedrigend“.

Paul Newman hat seine frühen großen Rollen in Tennessee-Williams-Verfilmungen gespielt („Die Katze auf dem heißen Blechdach“, „Süßer Vogel Jugend“), obwohl er fand, dass der einzige wirkliche Charakter, den er je auf die Leinwand gebracht habe, der Billardspieler Fast Eddie Felson in „Haie der Großstadt“ gewesen sei. 25 Jahre später hat Martin Scorsese nachgeschaut, wie es Fast Eddie Felson im hohen Spieleralter geht, das Ergebnis hieß „Die Farbe des Geldes“. Newman hat vor Hitchcocks Kamera gestanden („Der zerrissene Vorhang“) und mit Robert Redford Kassenrekorde gebrochen („Butch Cassidy and the Sundance Kid“, „Der Clou“). Und er hat Altersfilme gedreht, von denen „Nobodys Fool“ vielleicht der schönste war. Altwerden ist nichts für Memmen, sagte Newman mit Bette Davis, da wusste er noch lange nichts von dem Krebs in seinen Lungen. Als er keine Rennen mehr fahren konnte, lieh er noch einem Rennauto seine Stimme („Cars“). Nur die wirklich Großen hören so auf.

Am Freitag ist Paul Newman, der Mann mit den blauesten Augen Amerikas, im Alter von 83 Jahren gestorben. Wenige konnten wie er so grundverschieden einfarbig gucken. Nur den blauen Blick der Gerechten hatte Newman, anders als sein Land, wohl nie.

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