Grunewald : Wildern im Westen

Das Jagdschloss Grunewald, Berlins ältestes und verborgenstes Schloss, ist wieder geöffnet.

Michael Zajonz

Die Avus hört man als fernes Rauschen. Dem Fußgänger zum Jagdschloss Grunewald begegnen vor allem Menschen mit Hunden. Waldspaziergänge gehören zu den urdemokratischen Errungenschaften. Im Jahr 1542, als Kurfürst Joachim II. das Jagdschloss „Zum Grünen Walde“ errichten ließ, gehörte das umliegende Jagdrevier den Hohenzollern. Wer damals dort ohne Erlaubnis mit Hund herumlief, machte sich des Wilderns verdächtig.

Weiß und ziegelrot leuchtet das älteste erhaltene Hohenzollern-Schloss Berlins am Ufer des Grunewaldsees zwischen schönen Laub- und Obstbäumen. Die kurfürstliche Jagdabsteige ist über 460 Jahre alt. Die Renaissancefassung des Berliner Schlosses entstand etwa zur selben Zeit, an Charlottenburg oder an die Schlösser im Umland wie Oranienburg und Caputh war damals noch lange nicht zu denken.

Seit 1932 ist das Schloss im Grunewald Museum. Am Mittwoch hat es die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten nach dreijähriger Schließung und Renovierung wiedereröffnet. 2,7 Millionen Euro kostete die vom Berliner Architekten Winfried Brenne geleitete Sanierung, die in vielen Punkten lediglich eine Wiederauffrischung des Status quo geworden ist. Die Fassade etwa brauchte nur ausgebessert zu werden. Die – weitgehend unsichtbare – Haustechnik hingegen hat man so erneuert, dass das historische Mauerwerk nicht angetastet werden musste. Die Architekten hätten zunächst mit Unverständnis auf den Wunsch reagiert, keine Schlitze für Heizungsrohre in die Renaissancemauern zu stemmen, berichtet der zuständige Konservator der Schlösser-Stiftung Detlef Fuchs. Schließlich fand man gemeinsam Kompromisse. Saniert worden ist auch die neobarocke Seeterrasse. „Dort genießt man den schönsten Sonnenuntergang Berlins“, schwärmt Hartmut Dorgerloh, der Generaldirektor der Stiftung.

Wie jedes Schloss wurde auch Grunewald umgebaut, erweitert und verändert. Die Stuckdecken der meisten Innenräume präsentieren sich im Zustand der barocken Umgestaltung, die König Friedrich I. 1705/1706 veranlasste, andere Details so, wie sie seit der Modernisierung Anfang des 20. Jahrhunderts aussehen. 1973 fand man bei Bauarbeiten in der Großen Hofstube Reste einer bemalten Holzdecke. Damals entschloss man sich, den barocken Stuck abzuschlagen und die Renaissancemalerei darunter zu rekonstruieren. Maßgeblich für die erneuerte Farbgestaltung der übrigen Räume waren jedoch die neutralen weißen Wände und ochsenblutroten Dielenfußböden, die 1932 für die museale Nutzung geschaffen worden sind. Der Kunsthistoriker Georg Poensgen verwandelte damals das Schloss, dessen bewegliches Inventar nicht mehr existiert, in eine Galerie für altdeutsche und niederländische Gemälde und für die Berliner Porträtmalerei des 18. und 19. Jahrhunderts. Der Geist von 1932 weht noch immer durch die Räume: Neue Sachlichkeit statt historischer Fülle. Jagdschloss Grunewald ist ein White-Cube-Museum im Schloss, kein Museumsschloss.

Für die Wiedereröffnung haben Gerd Bartoschek und Carola Zimmermann unter dem Titel „Von Angesicht zu Angesicht“ aus den reichen Beständen der Schlösser-Stiftung eine Übersicht über knapp 200 Jahre Berliner Porträtmalerei zusammengestellt – vom späten 17. bis Ende des 19. Jahrhunderts. Darunter finden sich bedeutende Bilder wie Franz Krügers Reiterporträt der Fürstin Liegnitz. Oder Entdeckungen wie Joachim Martin Falbes lebensgroßes Porträt des preußischen Generalfeldmarschalls Johann von Lehwald, das den Gouverneur von Berlin 1760 nicht als eleganten Militär, sondern als verwitterten Kauz zeigt.

Diese Auswahl – die reiche CranachSammlung der Stiftung wird erst 2011 wieder ins Jagdschloss ziehen – demonstriert die hohe Qualität historischer Porträtmalerei in den Sammlungen. Und macht nebenbei deutlich, wie nötig die Stadt eine Institution wie die Londoner National Portrait Gallery hätte. Dafür wäre Grunewald sicher nicht der richtige Ort. Aber natürlich könnten Leihgaben der Schlösser-Stiftung oder des Stadtmuseums eine entsprechende Initiative der Stiftung Preußischer Kulturbesitz verstärken. Ex-Museumsgeneral Peter Klaus Schuster hatte das Kronprinzenpalais Unter den Linden als Porträtgalerie ins Auge gefasst. Man müsste es nur wollen.

Ein Jagdschloss wie Grunewald jedenfalls ist kein Brennpunkt der Kulturpolitik, sondern etwas für Kenner. Bei Sonnenschein sitzt man draußen im Schlosshof bei Kaffee und Kuchen – und sehnt sich nach britischen Verhältnissen. Wie behaglich und liebenswürdig-schrullig wäre die Bewirtung, wenn das Schloss statt von der Berlin-Brandenburgischen Schlösserverwaltung vom englischen National Trust betrieben würde. Bei der Sanierung wurden auch die Cafeteria und der Souvenirshop im historischen Küchengebäude neu eingerichtet. Doch bei der Gestaltung von Angebot und Atmosphäre haben die Schlössermanager leider keine glückliche Hand bewiesen.

Knapp 30 000 Besucher kamen vor der Sanierung pro Jahr ins Schloss, die Gäste so erfolgreicher Veranstaltungen wie des Weihnachtsmarkts oder der alljährlichen Greifvögel-Präsentation des Ordens Deutscher Falkoniere eingerechnet. Um dauerhaft mehr Besucher anzulocken, müsste das Jagdschloss Grunewald deutlich mehr Schloss sein dürfen als bisher.

Jagdschloss Grunewald, bis Ende Oktober tgl. außer montags 10-18 Uhr

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