Gruppenausstellung „History is a warm gun“ : Uneitle Geschichten

„History is a warm gun“: Die Kunststipendiaten des Berliner Senats zeigen ihre Arbeiten im NBK. Die Ausstellung einer uneitlen Künstlergeneration, die sich für Geschichte und Geschichten interessiert.

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Dirk Bell, Nichztunutzen (2015), Painting (Mistress) (2014), Rivka Rinn, Take Off I / II / III (2014).
Dirk Bell, Nichztunutzen (2015), Painting (Mistress) (2014), Rivka Rinn, Take Off I / II / III (2014).Foto: Jens Ziehe, 2015 / Ausstellungsansicht Neuer Berliner Kunstverein

Es ist schon auffällig, wie sehr sich im Kern die Arbeiten in der Gruppenausstellung „History is a warm gun“ ähneln. So ist die Schau im Neuen Berliner Kunstverein (NBK) nicht nur die traditionelle Präsentation all jener 16 Künstlerinnen und Künstler, die 2014 ein mit 12 000 Euro dotiertes Arbeitsstipendium des Berliner Senats erhalten haben. Sondern die Ausstellung einer neuen, uneitlen Künstlergeneration, die sich für Geschichte und Geschichten interessiert.

Da ist zum Beispiel Sonya Schönberger, die auf den Berliner Trümmerbergen wie eine Archäologin in der Erde gebuddelt hat. Die Fundstücke legte sie einem Experten aus dem Museum der Dinge vor. In einem Video erzählt er frei, was ihm dazu einfällt und illustriert so anhand der Scherben vergessene Alltagskultur. Zwischen den Fingern dreht er eine weiße Porzellanscheibe. Das sei ein Milchhüter, sagt er. Wurde früher in den Topf gelegt, um zu verhindern, dass die Milch überkocht. Begann sie zu brodeln, fing die Scheibe hörbar an zu scheppern.

Kerstin Honeit spielt mit Dokumentation und Fiktion

Auch andere Stipendiaten versuchen sich daran, historische Ereignisse oder gesellschaftliche Phänomene auf ihre Art neu zu erzählen. Sven Johne etwa lässt eine Schauspielerin in einem Video vom Absturz des deutsch-brasilianischen Tycoons Eike Batista berichten, sie spielt die Rolle der Mutter Jutta. Der von Johne geschriebene Monolog ist eine Ansammlung von Twitter-Meldungen und Interviewzitaten des exzentrischen Unternehmers.

Noch komplexer spielt Kerstin Honeit mit der Vermischung von Dokumentation und Fiktion. In ihrer Drei-Kanal-Videoinstallation „Talking Business“ porträtiert sie die deutschen Synchronsprecherinnen von Alexis und Krystle Carrington aus der US-Kultserie Denver Clan. Die Frauen erzählen vor der Kamera über ihre Arbeit, in klassischer Dokumentarfilmmanier als „talking heads“. Sie sprechen aber auch einen Dialog, den die Künstlerin ihnen auf den Leib geschrieben hat. In ihm vermischen sich ihre Rollen und ihre wahre Identität.

Ausflüge in die Wissenschaft

Andere Stipendiaten machen Ausflüge in die Wissenschaft: Die Filmemacherin Eva Könnemann nähert sich der ihr nicht näher bekannten Provinzstadt Emmelsum am Niederrhein durch ethnologische Feldforschung. Andreas Greiner spielt mit der Leuchtkraft von Pyrocystis-fusiformis-Einzellern und bedient sich, typisch für Absolventen von Olafur Eliassons Institut für Raumexperimente, bei der Naturwissenschaft. Dani Gal dröselt das Schicksal der palästinensischen Stadt Lifta auf nahezu historisch-museale Weise auf. Was alle vereint: Sie selbst verschwinden völlig uneitel als Künstlerpersönlichkeit hinter ihren Werken. Sie schöpfen aus der Vergangenheit der Anderen, nicht aus sich selbst.

bis 26.4., NBK, Chausseestraße 128/129

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