Kultur : Gruß und Kuss, dann war Schluss

Wie das Spatenstich-Trio den Swing der Nachkriegsjahre ausgräbt – und zur Bigband wird

Thomas Lackmann

Das sind Träume aus einer anderen Zeit. Saftig und schrill orgelt das Bandoneon. Die Gitarre schrubbt, fetzt und flirrt mit ein paar Läufen nebenbei dazwischen. Der Kontrabass zieht seine hüpfende, wummernde Bahn durch die Melodie. Die Männer stecken in alten Anzügen, Nadelstreifen, dickes Tuch, das Haar glatt nach hinten. Der Dicke mit Quetsche, Typ Stimmungskanone, trägt Schnäuzer. Der schmale kleine Klampfer könnte – physiognomisch – ein netter Halbbruder von Goebbels sein, seine Augen flitzen hin und her. Der hübsche Bassist mit Tolle und Dackelaugen gibt den treuherzigen Schwiegersohn.

Das Trio verkörpert eine Sehnsucht nach dem kleinem Glück. Seine Lieder feiern den Berliner Duft der engen hoffnungsvollen Nachkriegswelt. Manchmal wandelt sich der flotte Dreier zum Quintett: Dann stößt ein Schlagzeuger dazu und eine Sängerin im kleinen Schwarzen, eine rauchige Stimme schillernder Verheißungen. Und manchmal explodiert das Quintett zur zwanzigköpfigen Bigband, mit Dirigent und Conferencier, und auch sie ist wieder da: die Verheißungsvolle mit der weißen Rose im Haar. Die Bigband stampft, schmettert, legt samtene Foxtrott-Teppiche aus.

Spatenstich Entertainment GbR heißt die Swing-Fabrik mit drei Produktionsschienen. Der Name signalisiert Ausgrabung, Baubeginn, das Unternehmen ist eine Hommage: an Aufbruchsklänge der Davongekommenen von nebenan. Vor 18 Jahren begegneten sich in Bremen zwei siebzehnjährige Fans alter Tanzmusik bei einem Schellack-Sammler. Sie versuchten, den speziellen frischen Sound der „3 Travellers“ nachzuspielen, einer legendären Combo, die 1946 im alten Berliner Funkhaus entstanden war, als das RBT- Orchester für Tangoaufnahmen einen Quetschkommodisten suchte. Eigentlich soll Bandoneon-Mann Marcus Döhrmann Schiffsmakler werden; der Kontrabaß Björn Wessel soll Geschichte studieren.

Aber sie gehen auf Zeitreise. „In den neunziger Jahren“, erinnern sich die beiden 35-Jährigen heute, „war auf einmal alles erlaubt.“ Man durfte sogar altmodische Kleidung tragen! Sie wollen nicht auffallen, sie tun das selbstverständlich, und so spielen sie: aus Spaß, für sich. Bei einer Party erleben sie, wie Applaus schmeckt. Das verändert alles.

Abgebrochene Berufspläne, entsetzte Eltern, die Musikanten gehen nach Berlin. Hier laufen ihnen zwei vom Prenzlauer Berg über den Weg. Ronald Lafayer, Jahrgang ’75, Berufsgitarrist, Studiomusiker, sozialisiert im Kreativkiez der Nachwende-Hausbesetzer. Der muss erst überlegen, ob er die große Jazz-Freiheit eintauschen mag gegen biederen Schlagerswing. So wird das Trio komplett. Dann kommt Charlotte Voigt, sie studiert zwar auf Lehramt, aber Musik ist ihr Leben. Nun gibt es sie als: Charlotte und die Luxus-Boys. Und zuletzt: als Bigband-Diva des Berliner Tanzorchesters (BTO). Charlotte sagt: „Die Leute sehnen sich nach Glanz und Inszenierung. Sie klatschen, wenn sie die weißen Jackets der Bigbandmusiker sehen. Manchmal weinen sie.“ Und Roland fügt hinzu: „Hier wird was besungen, was man nicht aussprechen darf. Die Omis verstehn das. Die sind früher auch mal krass abgegangen.“

Das Spatenstich-Trio auf einem Marktplatz. Sie streuen Visitenkarten, zur Werbung für Privatengagements. Passanten halten inne: Das Trio definiert sein Repertoire präzise. Nur deutscher Nachkriegsswing zwischen ’45 und ’55, ohne Stempel der Reichsmusikkammer. Die wilden offenen Schwarzmarktjahre. Bevor es wieder kitschig, spießig oder primitiv rocknrollig wurde: sagen die Spatenstecher.

Ein andermal stehen sie verloren auf der Pavillonbühne im Tierpark. Lichtjahre entfernt hocken Zuhörer an Streuselkuchentischen. „Mit dem Kuss vor der Haustür fing’s an, und ein Märchen der Liebe begann. Doch es kam leider so, wie es muss: ohne Gruß, ohne Kuss, dann war Schluss …“ Die Senioren wippen, bewegen die Lippen.Die Gitarre federt in den Knien, das Bandoneon schwankt, der Bass pendelt hin und her.

Sie dokumentieren, als retrospektives Ost-West-Projekt, eine kleine Großstadt zwischen den Zeiten. Ihre Ode an den Koffer in Berlin – „der bleibt auch dort und das hat seinen Sinn“ – ist eine Hymne an das Geheimnis der Zugehörigkeit. Wohin zählt man sich? Sie rühmen, mit schnaufendem Bandoneon, den Ku’damm als „Broadway von Berlin“. Und memorieren die Treffpunkt-Uhr am Zoo: „Der Mensch kann niemals pünktlich sein …“.

Charlotte und die Luxus-Boys im holz- vertäfelten Funkturm-Restaurant, beim Geburtstag zweier Berliner, die das Leben nach Westen verschlug. Nachkriegschic. Vorkriegsarchitektur. Skyline West, Raumschiff ICC. Das Quintett setzt im Gegensatz zum Trio auf deutsche Barmusik der Fifties mit Gesang. Charlotte gurrt und seufzt, Marcus schrubbt die Gitarre, Björn zupft Bass. Dazu Schlagzeug, Akkordeon. Das Liedgut – „Du bist heut’ schlecht rasiert“ und „Kokettier’ nicht mit mir“ – kreist um die Konditionen fürs private Paradies.

Mit politischen Zwischentönen haben sie nichts am Hut. Dass die Songtexte „ihrer“ Epoche oft kleinkariert klingen, bestreiten sie. Zwischen den Zeilen ihrer musikalischen Visitenkarte „Hallo kleines Fräulein“ – da meint man, GI-Pfiffe aus einem Jeep zu hören, während eine Affäre zwischen Büschen und Brachen sich anbahnt – weht für sie die Freiheitsbrise des Neubeginns. Dass holperige Herzensbrecher-Fantasien wie Bully Buhlans „Räuberballade“ nicht nur den Abgang eines erotischen Eroberers schildern, sondern im Kontext einer überlebten Diktatur untergründig ironisiert werden könnten, interessiert sie nicht. Diese Entertainer wollen eine Zeit vom Mief- Image befreien, die angeblich keiner mehr kennt. Damals hätten die Leute „von Politik die Schnauze voll gehabt“, meint Björn. Ronald räumt ein, dass in der DDR manche Texte ebenfalls subtil politisch verstanden worden seien. Doch den satirischen „08/15-Cocktail“ der „3 Travellers“ zur Wiederbewaffnung mögen sie nicht übernehmen; ebenso wenig Texte, in denen von „Negern“ die Rede ist. Hier stößt die Rekonstruktionsperfektion an Grenzen politischer Korrektheit.

BTO im Zoo. Weiße Jackets! Der joviale Conferencier im zarten Duett mit Charlotte, die den Scherzbold überragt. Bei „Baby, es regnet doch“, Bully Buhlans gelungener Verdeutschung von „Baby It’s Cold Outside“springt der Flirtfunke über. Die Bigband-Idee hatte Marcus und Björn schon zu Beginn der Neunziger beschäftigt. Drei Jahren bereiteten sie die Band vor, im Herbst begannen die Proben. Ein finanzieller Kraftakt mit bezahlten Profis, getragen von Trio- und Quintett-Einnahmen.

Sie haben sich, bedingungslos, in die Musik, die Texte von damals verliebt. Ihr Flaschenhals-Micro: Baujahr 1950. Das Bandoneon stammt von den „Travellers“, der Kontrabass von einer anderen Legende, dem „Trio Sorrento“. Die BTO- Trompetendämpfer sind die gleichen wie bei Glenn Miller, antik aus Chicago. Reliquien gehören zum Sehnsuchtsprogramm der Verzauberung. Das Rekonstruktionsteam projiziert, während die Tabula-rasa-Euphorie der Berliner Wendejahre zur Historie gerinnt, Stimmungsbilder einer optimistischen Stunde null: gesamtdeutschen Alltagssound zwischen gestern und vorgestern. Wo gehört man hin? Wer zu spät singt, den beseelt „Erinnerung“. Der Mensch kann niemals pünktlich sein.

Informationen und Kontakt unter: www. spatenstichtrio.de

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