Gudrun Pausewang: "Der einhändige Briefträger" : Schwarze Briefe

Gudrun Pausewang berichtet als Zeitzeugin in ihrem Roman "Der einhändige Briefträger" von den letzten Kriegsmonaten.

Ulrich Karger
Ein Roman aus schwerer Zeit.
Ein Roman aus schwerer Zeit.Foto: Ravensburger

Im September 1944 leben im ostböhmischen Wolfentann fast nur noch Frauen, Greise und Kinder. Nachdem Johann jedoch als Siebzehnjähriger an der Front seine linke Hand verloren hat, stellt er wieder als einziger Briefträger in den kleinen Gemeinden Brünnel, Schattney, Öd, Berngraben, Dickicht und Mohren die Post zu und nimmt von dort mit, was wiederum zur Weiterleitung ins Petterskirchener Postamt gebracht werden muss. Meist wird er sehnlichst erwartet, zumindest so lange Hoffnung besteht, dass die von ihm ausgehändigten Feldpostbriefe noch vom Überleben der Söhne und Väter an der Front zeugen.

Aber die „Schwarzen Briefe“ werden immer zahlreicher, und Johann kann nicht anders, als den trauernden Hinterbliebenen in ihrer ersten Not beizustehen. So auch der alten Försterwitwe, als er die Nachricht vom Tod ihres die Nazis glühend verehrenden Sohnes überbracht hat. Dennoch kann und will sie es nicht glauben und denkt am Ende, Johann selbst wäre ihr Sohn und spricht ihn mit dessen Namen an – auch noch im Mai 1945.

Im Rahmen der Aktion „70 Jahre Kriegsende“ des Ravensburger Verlages ist mit „Der einhändige Briefträger“ auch ein neues Jugendbuch der inzwischen 87-jährigen Gudrun Pausewang erschienen. Einer der Schwerpunkte dieser vielfach ausgezeichneten Schriftstellerin ist schon seit Langem die Auseinandersetzung als Zeitzeugin mit dem Nationalsozialismus.

Die Stärke von der „Der einhändige Briefträger“ liegt denn auch in der Entfaltung jener Details, die seinerzeit die letzten Kriegsmonate vor Einmarsch der Sowjetarmee auszeichneten. Neben dem Warten auf Post war das der Mangel an Nahrung und Wohnraum, insbesondere als immer mehr Flüchtlinge aus dem Osten, aber auch aus dem mit Bombenteppichen überzogenem Ruhrgebiet eintrafen.

Auch die von Resignation durchzogenen Sehnsüchte, denen nur noch sehr junge Nazis euphorische Hoffnungen an die Wunderwaffe entgegensetzen, sind sehr treffend nachgezeichnet und machen die sich wandelnde Haltung der neben Johann eingeführten Protagonisten zu Nazideutschland und dem Leben überhaupt plausibel.

Gudrun Pausewang.
Gudrun Pausewang.Foto: Ravensburger

Via Google oder Wikipedia sind die im Buch erwähnten Ortsnamen nicht zu finden – an einer Stelle wird im Buch der Eindruck erweckt, dass sie erst seit Ende des Krieges nicht mehr existieren.

Zumindest ambivalent sind zuweilen Formulierungen mit dem unter anderem Johann gleich zu Anfang als „ein junger Bursche, blauäugig, von stattlicher Größe und gutem Wuchs“ beschrieben wird, bei dessen „dichtem, dunklen Schopf“ und seinem „nachdenklichen Blick“ manchem Mädchen „die Knie weich“ wurden. Innerhalb eines zeitgenössischen Dialogs womöglich treffend, wirkt das hier aus heutiger Sicht unreflektiert und kontraproduktiv gegenüber ihren aufklärerischen Absichten und dem ansonsten durchaus spannungsreichen Handlungsverlauf.

Doch als Geschichte einer Zeitzeugin betrachtet, sind solch punktuelle Stilvorgestrigkeiten zwar ärgerlich, aber kein Hindernis, aus ihr dennoch einigen Erkenntnisgewinn zu ziehen. Denn die Autorin kann noch immer erzählen und weiß durch die Geschichte selbst zu überzeugen, dass Ideologien das Denken einschränken und Kriege nie gewonnen werden können.

– Gudrun Pausewang: Der einhändige Briefträger. Roman. Ravensburger Verlag, Ravensburg 2015. 192 Seiten. 14,99 Euro. Ab 14 Jahren.

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