Kultur : "Güle Güle": Reif für die Insel

Suzan Gülfirat

Sowas von rührselig, sowas von kitschig. Eine idyllische Insel im Ägäischen Meer und ein paar alte Leute, die dauernd "Ach, früher war doch alles besser!" zu seufzen scheinen. Und dann auch noch diese penetrant glückliche Griechin - gerade so, als sei alles in Ordnung im Land der zahlreichen schlecht behandelten ethnischen Minderheiten. Und wo, bitteschön, sind eigentlich die Islamisten und die Bettelarmen, die große Teile des Landes prägen? Klischees über Klischees, das ist ja allenfalls türkische Vorabendserie...

Halt! Stopp! Moment mal. Zurück auf Anfang. Und jetzt gucken wir "Güle Güle" mal mit türkischen Freunden an. In der Türkei bricht Zeki Öktens Film alle Kassenrekorde.

Also: "Güle Güle" ist erst mal gar nicht politisch. Der Film erzählt von Freundschaft und Liebe. Da sind Celal und Zarife, seit 40 Jahren verheiratet. Und ihre besten Freunde: Ismet, Galip und Schemsi. Alle um die Sechzig: Schon immer leben sie hier auf der Insel, die die Troja-Touristen - zum Glück - noch nicht entdeckt haben. Wenn die Bewohner ein Haus betreten, ziehen sie ihre Schuhe aus. Fällt ein Stück Brot auf den Boden, heben sie es auf und küssen es, als Zeichen des Respekts vor dem, was Gott zum Leben gegeben hat.

Tagsüber sitzen die Männer in einem dieser Männercafés. Ja, im Westen mögt ihr diese Kaffeehäuser nicht, weil die Männer da immer mit so finsterer Miene sitzen und Frauen dort nach wie vor nicht gern gesehen sind. Und dann reden die Männer da drinnen plötzlich über Gefühle. Über unerfüllte Träume. Da ist zum Beispiel Galip, der in Rosa verliebt ist, die in Kuba lebt. Ein einziges Mal hat er sie gesehen im Leben, und nun schreiben sie sich schon seit 20 Jahren Liebesbriefe. Und der geistig behinderte junge Mann mitten unter den andern, um den sich alle kümmern, gehört ganz selbstverständlich dazu. So freundlich, ja sensibel können diese abweisend erscheinenden Männer sein?

Galip, so stellt sich eines Tages heraus, hat Magenkrebs. Celal und Zarife erzählen das ihren erwachsenen Kindern, die zu Besuch sind. Aber das Handy des Sohnes klingelt ständig, und die Tochter ist sehr mit sich selbst beschäftigt. Wie kann man Galip helfen?, denken die Inselbewohner. Ein Banküberfall wäre nicht ganz verkehrt. Dann könnte Galip einmal nach Kuba reisen. Das Flugzeug buchen wir am besten für den gleichen Tag. Natürlich kommt es anders, als alle denken.

Wer wird sich "Güle Güle" ansehen? Derselbe Verleih, Warner, brachte unlängst Sinan Çetins "Propaganda" ins Kino. Und hatte damit vor allem bei Berliner Türken einen Riesenerfolg. Andererseits lief der Film auch deutsch untertitelt, und viele rein deutschprachige Zuschauer schauten ihn sich an. Vielleicht ist auch "Güle Güle" ein Film für alle. Vielleicht sind unsere Augen doch nicht so verschieden.

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