Gülsün Karamustafa im Hamburger Bahnhof : Warten, Schlafen und Bangen

Sie ist die Grande Dame der zeitgenössischen türkischen Kunst: Gülsün Karamustafa zeigt im Hamburger Bahnhof in Berlin, dass Orient und Okzident untrennbar miteinander verbunden sind.

Claudia Wahjudi
Das Werk "Against the Serpent" von Gülsün Karamustafa
Gülsün Karamustafa, Jahrgang 1946, fertigt Skulpturen, Installationen und Gemälde wie „ Against the Serpent“ von 1986.Foto: Izmir Institute of Technology Library Collection

Zu den zahlreichen Missverständnissen zwischen Orient und Okzident zählt das Hamam. Abendländische Maler fantasierten das türkische Dampfbad als Bühne für nackte Frauen, westliche Feministinnen etablierten es 100 Jahre später als männerfreien realen Ruheraum. Heute unterhält jede zweite Brandenburger Spaßtherme ein gemischtgeschlechtliches Hamam. Doch kann der Gedanke an die Badesäle auch „klaustrophobische Gefühle“ auslösen, wie auf Türkisch eine gebildete Frauenstimme in Gülsün Karamustafas Videos „Anti-Hamam-Confessions“ sagt. Ihre Schwarz-Weiß-Bilder von einem solchen Prachtbad machen das plausibel: Sie lassen weniger an einen Wellnesstempel denn an ein Mausoleum denken. Hier konnte sich der Sultan eine Frau aussuchen – das Hamam war auch Brautmarkt.

So geht es hin und her zwischen Orient und Okzident in Gülsün Karamustafas großer Ausstellung im Museum Hamburger Bahnhof, die ausgerechnet zu einem Zeitpunkt stattfindet, da die deutsch-türkischen Beziehungen einen Tiefpunkt erreicht haben. In den rund 110 Arbeiten der Künstlerin aus Istanbul sind Morgen- und Abendland untrennbar miteinander verbunden: durch Handel und Wandel, Kriege und Friedensverträge, den Austausch von Kopf- und Handarbeit und dank all derjenigen Menschen, die diese leisten. Karamustafas Werk thematisiert Identität als innere Einheit von Personen und Regionen, es verhandelt Hybridität als freiwilliges oder aber erzwungenes Handeln in einander überlappenden Kulturkreisen. Die Metathemen spiegeln sich in der Anordnung der Exponate durch Kuratorin Melanie Roumiguière. Durch Galerien, Gänge und drei Saalgruppen rankt sich die Schau um die zentrale Halle. Wie ein Migrant kann der Besucher sich in der Fülle neuer Eindrücke verlaufen, zumal die Schau weder nach Werkgruppen noch biografisch sortiert ist.

Keine monografische Werkschau, um die Arbeiten nicht zu historisieren

Dabei böte sich beides an. Die Karriere der 1946 in Ankara geborenen Künstlerin begann erst Anfang der 90er Jahre, als sie an drei aufeinanderfolgenden Istanbul-Biennalen teilgenommen hatte und am Bosporus ein Umfeld für zeitgenössische Kunst zu wachsen begann. Zudem hatte Karamustafa bis Mitte der 80er Jahre nicht reisen können: Ihr Pass wurde ihr vorenthalten. Nach den Protesten der Studentenbewegung in Istanbul war die politisch aktive Kunststudentin 1970 zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden. Ihr Mann musste zweieinhalb Jahre ins Gefängnis und danach sofort den Militärdienst leisten. Von dieser Zeit zeugen unter anderem Karamustafas kleinformatige „Prison Paintings“ (1972), die Frauen auf engstem Raum beim Warten, Schlafen und Bangen zeigen, und ihre nüchternen Filminterviews mit ehemaligen Mitinhaftierten rund 30 Jahre später. Doch Roumiguière und Karamustafa haben sich gegen eine monografische Werkschau entschieden, weil sie die Arbeiten nicht historisieren wollten.

Nach Studium und Haft arbeitete Karamustafa zunächst an einer Schule für angewandte Kunst, später zog sie sich für Jahre von der Kunst zurück. Beides mag ihren Gebrauch von Alltagsmaterialien gefördert haben – und ihre heutige Arbeit in unterschiedlichen Genres. Zu figürlicher Malerei und Textilcollagen kamen Plastiken aus schimmernden Stoffen, Installationen, Skulpturen, Performances und Bühnenstücke, von denen die Ausstellung einige als Filme zeigt. Ähnlich ihrer Kollegin Ayse Erkmen hat Karamustafa mit dieser Vielfalt einen breiten Weg für jüngere Künstlerinnen von Hale Tenger bis Nilbar Güres bereitet: Trotz des heutigen Zugangs zum internationalen Kunstbetrieb nehmen sich diese die Freiheit, ohne schnell identifizierbare Handschrift zu arbeiten. Im Hamburger Bahnhof fehlt freilich ein Beispiel für eine große Installation, wie sie die ifa-Galerien 2011 mit Karamustafas „Etiquette“ zeigten. Sie hätte die üppige Schau um einen ruhigen Raum der Kontemplation bereichert.

Mundtote Akrobaten als "Denkmal für das 21. Jahrhundert"

So aber treiben die Besucher wie in einem nonkonformistischen Gedankenfluss durch Zeiten und Genres – mit Variationen zu den Themen Religionen und Ideologie, türkische, osmanische und europäische Geschichte sowie Leben, Lieben und Nichtlieben von Transsexuellen, Frauen, Kindern und Männern. Gebremst wird dieser Fluss nur von wie Wegmarken platzierten Arbeiten. Die jüngste ist von 2016: eine fast deckenhohe Plastik mit zusammengesteckten Männlein aus MDF-Platten. Akrobaten gleich bilden sie eine menschliche Pyramide. Ihre Kleider lassen ans 19. Jahrhundert denken und die roten Balken über ihren Mündern an die damalige Zensur zwischen Berlin und Konstantinopel. Allerdings hat Gülsün Karamustafa für die Arbeit einen aktuellen Titel gewählt, der dann wieder an das gestörte deutsch-türkische Verhältnis denken lässt: Die mundtoten Akrobaten formen ein „Denkmal für das 21. Jahrhundert“.
Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50/ 51, bis 23. Oktober, Di, Mi, Fr 10-18, Do 10-20, Sa/So 11-18 Uhr

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