Kultur : Günter de Bruyn erinnert an ein märkisches Adelsgeschlecht

Jörg Plath

Eine gute Straßenkarte vom östlichen Brandenburg und dem angrenzenden Polen sollte schon besitzen, wer dieses Buch liest. Von Madlitz, Ziebingen, Wilmersdorf, Drehnow, Pommerzig (Pomorsko) und gleich zweimal Kunersdorf ist die Rede. Es sind allesamt kleine Dörfer links und rechts der Oder auf der Höhe von Frankfurt / Oder. So unscheinbar wie sie sind, galt weiland die ganze Mark Brandenburg. Erst als Theodor Fontane seinen Lesern allerorten Historisches in der "Sandwüste" zeigte, lernten diese sehen.

Ähnliches hat sich Günter de Bruyn mit seinem Buch über "Die Finckensteins" vorgenommen. Wo von der DDR verschuldete Ödnis war ("Junkerland in Bauernhand"), soll nun die Erinnerung an Preußens Glorie sein. Mit dem Adelsgeschlecht der Finckensteins hat der durch Romane, Erzählungen, eine Autobiographie und Bücher über Brandenburg bekannte Schriftsteller ein zunächst ergiebig erscheinendes Exempel gewählt. Die Entwicklung Preußens im 18. Jahrhundert spiegelt sich in drei Finckensteins: Albrecht Konrad dient Friedrich I. als Feldmarschall und Erzieher seines Sohnes. Dieser macht als Friedrich II. den Sohn seines Erziehers zu seinem Kabinettsminister; ein Amt, das der erfahrene Karl Wilhelm auch unter den folgenden preußischen Königen bis zu seinem Tod 1800 ausübt.

Karl Wilhelms Sohn Friedrich Ludwig Karl bringt es nur bis zum Regierungspräsidenten der Neumark; 1779 entfernt ihn Friedrich II. im Streit aus seinem Amt. Der Adlige lebt fortan auf seinen Gütern Madlitz und Ziebingen gesellig den schönen Künsten, der Dichtung und der Musik. "Auf Mars folgten die Musen", pointiert de Bruyn die Finckensteinsche Trias, den letzteren widmet er die schönsten Passagen seines Buches.

Die schönen Künste werden auf Madlitz und Ziebingen nicht zuletzt von den schönen Töchtern des jungen Pensionärs ausgeübt. "Ihre göttliche Musik" macht Schleiermacher beredt und andere Männer verliebt. Wilhelm von Burgsdorff, zeitweilig Geliebter von Caroline von Humboldt und vieler anderer Frauen, kann sich für alle drei Töchter recht stark, doch letztlich für keine ganz erwärmen und wird schließlich erzürnt des Hauses verwiesen.

Lässlicher geht der einstige Regierungspräsident mit den Sünden anderer Freunde um. Ludwig Tieck, der von 1802 an 17 Jahre lang mit Frau und Tochter auf den Finckensteinschen Landsitzen lebt, liebt zugleich die älteste Tochter Henriette; der scharfzüngige Architekt und Porzellangestalter Hans Christian Genelli, auch er ein ständiger Gast, fühlt sich in nicht standesgemäßer und nicht bürgerlich legitimierter Weise zu deren Schwester Caroline hingezogen.

Dem jüngsten Sproß Barnime immerhin gelingt eine legitime Verbindung mit Wilhelm von Schütz, einem glücklosen Dichter, dessen Schauspiel "Lacrimas" (Tränen) Goethe empfahl, als "Heularsch" zu übersetzen. Barnimes Bruder Karl aber erwählt - wiederum unstandesgemäß - die für ihren intellektuellen Salon berühmte Berlinerin Rahel Levin, spätere Varnhagen, zu seiner Herzensdame. Die Briefe dieser jahrelangen unglücklichen Verbindung hat de Bruyn bereits 1985 in einem Band vorgelegt. Die vier Kinder des Regierungspräsidenten a. D. und er selbst zeigen ein um 1800 in Bewegung geratenes Preußen. Die Standesgrenzen werden durchlässiger, die Geschlechter orientieren sich am Ideal der romantischen Liebe, und die Niederlage gegen die französische Republik 1806 zwingt Preußen zu den Stein-Hardenbergschen Reformen.

Nach der ausführlichen Behandlung des 18. Jahrhunderts streift de Bruyn das 19. nur, um ausführlicher und mit persönlicher Betroffenheit die Zerstörungen des Finckensteinschen "Junkerlands" in der DDR und den Wiederaufbau durch den 86jährigen Grafen zu schildern, den die von wirtschaftlichem Ruin bedrohten Madlitzer 1990 um Hilfe baten. Trotz des Happy Ends für Madlitz bleibt der Leser nicht wunschlos zurück. Die historischen Ereignisse lassen sich kaum mit den Schicksalen der Finckensteins und ihrer Freunde verbinden. Allzu dünn sind die Quellen über den Alltag auf den Gütern, was de Bruyns intime Kenntnis der preußischen Geschichte und seine mühelos voranschreitende Erzählung allerdings nach Kräften vergessen läßt.

Doch von der intellektuellen Atmosphäre, den Gesprächen und den die drei schönen Töchter bewundernden Gästen in den Finckensteinschen Landsitzen Madlitz und Ziebingen, die de Bruyn den Berliner Salons von Rahel Levin und Henriette Herz an die Seite stellt, vermag auch er keinen Eindruck zu geben. So schwankt "Die Finckensteins" zwischen einer plaudernden Geschichte Preußens, gesehen aus einem märkischen Winkel, einem kenntnisreichen Feuilleton und einer überaus gebildeten Familiengeschichte.

Darin ist die Familienbiographie eine Fortsetzung von de Bruyns "Mein Brandenburg" (1993 und 1997) und ein weiteres Kapitel einer Geschichte der märkischen Dichter- und Musenhöfe, die Theodor Fontane im Sinn hatte, jedoch nicht verfaßte. Neben den Finckensteins dachte er an Baron de la Motte Fouqué in Nennhausen, Humboldts in Tegel, Achim von Arnim in Wiepersdorf, Dönhoffs in Tamsel. Diese und weitere Kapitel einer Kulturgeschichte der Mark, der sich de Bruyn nun schon seit geraumer Zeit widmet, lenken den Blick auf vor sich hin faulende, bereits restaurierte und in Krieg oder Nachkrieg unwiederbringlich zerstörte Herrensitze. Mit den Büchern dieses Liebhabers der Mark lässt sich sehen lernen - mit ihnen und einer guten Straßenkarte.Günter de Bruyn: Die Finckensteins. Mit zahlreichen Illustrationen. Siedler Verlag. Berlin 1999. 272 Seiten, 39,80 DM.

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