Günter-Grass-Haus : Besucher kommentieren Geständnis

Zahlreiche Zeitungsartikel kleben kommentarlos im Eingangsbereich an Innenfenstern und einer Glastür. Direkt gegenüber hängt eine Zeittafel über das künstlerische Werk des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass an der Wand.

Lübeck - Mitarbeiter des Günter-Grass-Hauses haben die Artikel und Kommentare aus Zeitungen und Internet-Publikationen über das späte Geständnis des Schriftstellers seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS provisorisch auf eine Folie geklebt.

"Ich hätte es besser gefunden, wenn er es früher gesagt hätte", betont der Leiter des Grass-Hauses, Kai Artinger. Seit dem Bekenntnis des Künstlers habe das Haus zahlreiche Reaktionen per E-Mail erhalten. Unter den Verfassern überwiege der Zuspruch für den Schriftsteller. "Bei den Besuchern der Ausstellung findet man die gleichen Kommentare wie in der Presse." Ein Besucher habe gar gefragt, ob das Grass-Haus nun geschlossen werde, erzählt Artinger.

Wird man sein Werk uminterpretieren?

Auch im Gästebuch haben Besucher ihre Meinung zur Vergangenheit von Grass verewigt. "Nun ist es also heraus: Grass war bei der Waffen-SS. Aber wen interessieren schon wirklich die Dummheiten eines 17-Jährigen", fragt darin ein Besucher. Wer habe nicht in der eigenen Jugend oder auch später "etwas zutiefst Beschämendes getan, für das er heute keine Entschuldigung mehr findet - außer seiner Jugend". Interessanter würden dagegen die Reaktionen der Zeitgenossen sein. "Und: Wie wird man sein Werk uminterpretieren." Dem sei nichts hinzuzufügen, findet ein anderer Besucher. Ein anderer Schreiber fragt: "Ich habe die Zeitung heute gelesen. Das einzige Problem: Warum so spät?"

In den Räumen des Günter-Grass-Hauses verlieren sich nur wenige Besucher. Grass' langes Schweigen ändere nichts an seinem literarischen Werk, sagt der Potsdamer Stefan Theisen. Aus Solidarität mit dem Schriftsteller hätten er und seine Frau den Urlaub verlängert, um das Haus in Lübeck zu besuchen. "Die Reaktionen auf das Geständnis finde ich heuchlerisch", sagt Theisen.

Neues Buch von Grass kommt im September

Grass hatte in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" erstmals öffentlich bekannt, im Zweiten Weltkrieg als Jugendlicher Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein. Sein Erinnerungsbuch, in dem er seine Kindheit in Danzig, Kriegsdienst und Kriegsgefangenschaft sowie seine Anfänge als Künstler im Nachkriegsdeutschland schildert, erscheint im September unter dem Titel "Beim Häuten der Zwiebel". Die öffentlichen Reaktionen auf sein Geständnis bezeichnete Grass als persönlich verletzend. (tso/ddp)

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