Günter Grass : „Meine sich stauende Lust“

"Von Deutschland nach Deutschland": Einheit, Golfkrise, Unkenrufe: Günter Grass’ Tagebuch aus dem Jahr 1990.

Gerrit Bartels
Grass
Günter Grass. -Foto: dpa

Es gibt in diesem Tagebuch ein paar Einträge, die Günter Grass richtig sympathisch machen. Und zwar weniger, wenn er seiner Lust zu zeichnen nachkommt, was er häufig zu tun scheint, sondern insbesondere, wenn es ihn zurück an die Arbeit im stillen Kämmerlein drängt, zu seiner eigentlichen Profession, die ihn weltberühmt gemacht hat.

„Meine sich stauende Lust“, schreibt er am 24. 2. 1990 in Leipzig, wo er am SPD-Parteitag teilnimmt, „wieder und anhaltend vorm Schreibpult auf und ab zu laufen, zu brabbeln, Sätze so lange zu kauen, bis sie mundgerecht sind, bei kalter und warmer Pfeife“. Da hegt er auch schon mal den Wunsch, sich „fallen“ zu lassen, will er „die angenommen Disziplinen ablegen“ und gesteht: „Zu lange bin ich schon in der Pflicht.“

Diese Pflicht aber, als Bürger, „Verfassungspatriot“ und politischer Schriftsteller, sie ist es überhaupt, die ihn, den nicht gerade passionierten Tagebuchschreiber, dazu bewogen hat, sich einerseits „einzumischen“, den Osten Deutschlands zu bereisen, die Wiedervereinigung zu beeinflussen. Und eben andererseits Tagebuch zu führen: das Tagebuch von 1990, das jetzt unter dem Titel „Unterwegs von Deutschland nach Deutschland“ in den Läden liegt.

Wenn die Pflicht das Schreiben überragt

Schon dieser Titel zeigt, wie ernst Grass sich nimmt, wie er von seiner Sendung und seinem Einfluss überzeugt ist. Die „Pflicht“ und die historischen Ereignisse lassen ihn immer weitermachen, sie halten ihn vom Schreiben ab, bei aller Sehnsucht danach. „Doch ist es fürs Schreiben noch zu laut: zuviel Einheit, zuviel Golfkrise.“ Und so ist Grass ständig unterwegs, verfasst in seinem portugiesischen Domizil eine Rede über „Das Schreiben nach Auschwitz“, in der er die deutsche Einheit mit dem „Sperriegel Auschwitz“ konfrontiert und die er erstmals auf einer Tagung in Tutzing hält. Redet auf Parteitagen, sitzt in Fernsehrunden (etwa mit Rudolf Augstein). Unternimmt Lesereisen mit seinem alten Stück „Die Plebejer proben den Aufstand“ über den 17. Juni 1953, um danach mit seinem ostdeutschen Publikum über die Zukunft Deutschlands zu diskutieren. Macht Staatsbesuche in Polen mit. Oder nimmt an der Konferenz „The Anatomy of Hate“ in Oslo teil, zu der Elie Wiesel und das norwegische Friedensnobelpreiskomitee eingeladen haben. Hier wirft er Frankreichs Staatspräsident Mitterrand vor, „eine nur rhetorische, das heißt leere Rede gehalten zu haben“.

Der Staatsmann Grass. Als solcher wundert er sich genauso über das Toskanahafte der SPD-Führungsriege von Lafontaine bis Engholm, über ihren nicht hundertprozentig ausgeprägten Willen zur Politik, ja, über ihre Neigung, Bücher zu schreiben. Und schreibt selbst als gewissermaßen geborener Schriftsteller dröge, höchst unsinnliche politische Einträge und Kommentare ins Diarium: „Die vorausgesagte SPD-Mehrheit ist ernsthaft gefährdet.“ „Lassen die zaghaften Annäherungen zwischen NATO und Warschauer Pakt ein wirklich neues europäisches Sicherheitssystem erkennen?“ Und noch als Björn Engholm Ende des Jahres zu freundschaftlichem Besuch in Behlendorf ist, legt Grass ihm „meine Vorstellungen zukünftiger Deutschlandpolitik und eventueller Zusammenarbeit“ dar.

Grass, das Stehaufmännchen

Bewundernswert ist in diesem Zusammenhang das unermüdliche Bohren, das nimmermüde Nichtnachlassen von Grass, trotz der ihn in ruhigen Momenten anfallenden Gedanken ob der „Vergeblichkeit meiner politischen Anstrengungen“. Grass ist ein Stehaufmännchen, ein „vaterlandsloser Geselle“, der oft betont, wie sehr ihm Deutschland abhanden kommt, ausgenommen die deutsche Sprache. Die Bewegtheit der Geschichte bildet Grass durch seine eigene Mobilität schön ab, wobei die Treffen mit den Mitgliedern seiner weitverzweigten Familie und Tätigkeiten wie Bäumchenpflanzen oder Kuttelnkochen die für ein Tagebuch nötige private Hintergrundkulisse abgeben. Dass das alles mit großer Humorlosigkeit vonstatten geht, versteht sich – Grass hat nichts zu lachen angesichts der von ihm stetig kritisierten „Übernahme“ der DDR durch den Westen, angesichts der Feuilleton-Kampagne gegen die ihm nahestehende Christa Wolf, angesichts der durch zwei Besitzerwechsel verursachten Probleme beim Luchterhand Verlag, in dem seine Bücher bis dato erscheinen.

Nur gut, dass es noch die Literatur gibt, dass sich dahin bisweilen die Wirklichkeit umleiten lässt. Dieses Tagebuch ist auch ein Werkstattbericht. Es zeugt an vielen Stellen davon, wie die – 1992 veröffentlichte – Erzählung „Unkenrufe“ Konturen annimmt. Wie Grass Motive findet und verwirft, wie die Figuren in ihm wachsen, wie er erste Sätze schreibt und sich Erzählpositionen überlegt. Und 1990 ist auch das Jahr, in dem er die Idee für einen Berlin-Fontane-Wiedervereinigungs-Roman mit dem Arbeitstitel „Die Treuhand“ verfolgt, woraus schließlich „Ein weites Feld“ wird.

Dabei beeindruckt hier einmal mehr, noch Jahre vor dem Literaturnobelpreis, des Großdichters Sinn für die eigene Größe und Bedeutung, seine Eitelkeit – plant er sich doch mit diesem Buch zum 70. Geburtstag zu beschenken, eben „mit einem ausgewachsenen Alterswerk“.

Dieses erscheint dann zwei Jahre früher, wohl auch weil Grass’ Gegenreden zur Wiedervereinigung ohne Echo blieben. „Literatur nur möglich aus der Verliererposition?“ fragt er einmal. „Ein weites Feld“ wurde von der Kritik weitgehend verrissen, wie zuvor „Unkenrufe“. Trotzdem kam Marcel Reich-Ranicki damals nicht umhin, anzuerkennen: „Ein ganz und gar unberechenbarer Schriftsteller. Er wird uns noch manch eine Überraschung bescheren.“ Das letzte Mal war das bekanntlich 2006 mit „Beim Häuten der Zwiebel“. Was Grass nicht anficht. Er mahnt und warnt wie gehabt, er macht weiter und weiter – ob er Gehör findet oder nicht, ob er noch Einfälle hat oder nicht. Und autobiografische Bücher, mit oder ohne Zwiebelfische, gehen immer.

Günter Grass:Unterwegs von Deutschland nach Deutschland. Tagebuch 1990. Steidl Verlag, Göttingen 2009. 256 S., 20€.

0 Kommentare

Neuester Kommentar