Günter Grass : Rückendeckung von Baring und Frei

Das Geständnis von Grass verursacht zahlreiche Wortmeldungen. Die Historiker Arnulf Baring und Norbert Frei sehen in dem Geständnis keinen Imageschaden.

Berlin - Der Fall werde dem Image des Literaturnobelpreisträgers nicht schaden, sondern "eher zum besseren Verständnis der Vergangenheit beitragen", sagte der Berliner Historiker Arnulf Baring der "Berliner Morgenpost" am Montag. Das Bild des Dritten Reiches müsse in dem Sinne zurecht gerückt werden, dass man die damaligen Sichtweisen stärker berücksichtigen müsse. "Nicht jeder, der in der NSDAP oder gar der Waffen-SS war, muss deshalb verbrecherische Ziele verfolgt haben."

Der Historiker sagte weiter, "man sollte grundsätzlich bei dem, was junge Leute getan haben oder auch heute tun, nachsichtig sein". Es handle sich ja nicht um Menschen "mit vollem Urteilsvermögen". Mit Blick auf die aufgeheizte Atmosphäre der Kriegsjahre "konnte jemand wie Grass kaum zu anderen Schlussfolgerungen kommen, als in der Waffen-SS eine tolle Herausforderung zu sehen". Er vermute, der Fall Grass werde zu einem gelassenen und gerechteren Urteil über die Verstrickung vieler Deutscher in den Nationalsozialismus führen.

"Grass' Bekenntnis hilft Geschichte zu differenzieren"

Der Historiker an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Norbert Frei, sagte im Deutschlandradio Kultur, Grass' Geständnis ändere nichts an seiner Bedeutung als Kritiker der unaufgeklärten Vergangenheit in den vergangenen Jahren. Sein Bekenntnis füge dem Geschichtsbild eine weitere Nuance der Differenzierung hinzu. Es mache die Schwierigkeit des "Herausmäntelns dieser deutschen Nachkriegsdemokratie ein Stück weit plausibler".

Grass' Mitgliedschaft in der Waffen-SS bezeichnete Frei als "keine große Sache". Die Waffen-SS des Jahres 1944 sei keine Eliteformation mehr gewesen, sondern ein Haufen, der von überall her Nachschub gesucht habe: "Da war man nicht mehr wählerisch." Grass habe zudem schon früher zugegeben, dass er als Jugendlicher ein "glühender kleiner Nazi" gewesen sei. (tso/ddp)

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