Günter Lamprecht : Zarter Rabauke

Franz Biberkopf und "Tatort"-Kommissar ohne Dienstwaffe: Der Schauspieler Günter Lamprecht wird 80.

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Günter Lamprecht. -dpa

In einer der schönsten Szenen aus Rainer Werner Fassbinders „Berlin Alexanderplatz“-Verfilmung führt Franz Biberkopf Selbstgespräche mit den Biergläsern vor ihm auf dem Kneipentisch. Er fragt: „Wo kommst du denn her?“ und antwortet mit piepsig verstellter Stimme: „Aus dem Keller, darum bin ich auch so schön kühl.“ Dann nimmt er einen kräftigen Schluck. Die Szene dauert ziemlich lang, und Biberkopf wird immer betrunkener.

Alfred Döblin hatte seinen Romanhelden als proletarischen Rebellen beschrieben, der „vom Leben mehr verlangt als das Butterbrot“. Doch dem Teufelskreis der Kriminalität entkommt er nicht. Eigentlich müsste man Mitleid haben mit ihm, aber Günter Lamprecht spielt mit zerknautschtem Hut und funkelnden Augen auch die komischen Seiten dieses Untergehers aus. Der Biberkopf, keine Frage, ist die Rolle seines Lebens.

Lamprecht wirkt in Fassbinders fünfzehnstündigem, 1980 erstmals ausgestrahlten Fernsehepos schon deshalb so glaubwürdig, weil er dem Milieu entstammt, das Döblin schildert. Er wird 1930 als Sohn eines Taxifahrers und einer Putzfrau in Berlin-Mitte geboren, wächst in Kreuzberg und Neukölln auf, feiert Erfolge als Amateurboxer, bricht eine Kaufmannslehre ab und lässt sich zum Orthopädiemechaniker ausbilden. Als Lamprecht bei der Aufnahmeprüfung an der Max-Reinhardt-Schule gefragt wird, warum er Schauspieler werden wolle, antwortet er: „Ick will ma vabessern.“ Karriere macht er zunächst am Theater, nach einigen Auftritten am Berliner Schiller-Theater wechselt er 1955 ans Bochumer Schauspielhaus, später spielt er in Oberhausen, Köln, Hamburg. Der Kritiker Friedrich Luft nennt ihn einen „Rabauken mit zarter Seele“.

Den Durchbruch im Kino schaffte Lamprecht 1976 in „Das Brot des Bäckers“. Scheiternde wurden zu seiner Spezialität, in „Die Große Flatter“ spielte er einen Arbeiter, der seine Frau verprügelt, in „Rückfälle“ einen Trinker, der sich umbringt. Als „Tatort“-Kommissar Markowitz, den er ab 1989 sechs Jahre lang für den Berliner SFB verkörperte, verzichtete er auf eine Dienstwaffe. Die Täter überführte er lieber wie das Vorbild Maigret mithilfe seines Einfühlungsvermögens. Während einer Theatertournee wurde Lamprecht 1999 in Bad Reichenhall zum Zufallsopfer eines jugendlichen Amokschützen. Fünf Menschen starben, sechs Kugeln trafen Lamprecht. Vom Fernsehen hat er sich danach weitgehend zurückgezogen und lieber in zwei Bänden seine Memoiren geschrieben.

Er sei ein „Volksschauspieler“, hat Lamprecht gerade in einem Interview gesagt. „Ich finde es viel schöner, wenn die Leute nicht den Lamprecht begrüßen, sondern sagen: Mann, das ist ja der Franz.“ Heute feiert er in der Nähe von Köln, wo er seit vierzig Jahren lebt, seinen 80. Geburtstag. Christian Schröder

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