Trotz aller Rollen, wird Wallraff nie zum Schauspieler, sondern bleibt immer mit sich selbst identisch

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Günter Wallraff : Der Aufmacher
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„Wallraff täuschte, um nicht getäuscht zu werden“, erklärte ein Moderator des WDR in einem Interview 2008, und bezeichnete Wallraffs detektivisches Vorgehen in Tarnrollen als „totalen Journalismus“. Sich selber sieht Wallraff weniger als Journalist – journalistischer Spielraum sei, so erklärte er, je nach Arbeitgeber meist begrenzt – denn als Aufklärer, der „den Interessen der Mehrheit“ dient indem er sich für Freiheitsrechte einsetzt. Handeln, Botschaft und Ziel sind in seiner Person vereint, und wohl deshalb wirken Wallraffs politische Aktivitäten unter seinem Klarnamen auch so stimmig. Der Mann, der so viele Rollen spielen, in so viele Häute schlüpfen kann, wird nie zum Schauspieler, sondern bleibt mit sich selbst stets identisch.

Reporter als Reporter. Wallraff schlich sich als Hans Esser bei "Bild" ein.
Reporter als Reporter. Wallraff schlich sich als Hans Esser bei "Bild" ein.Foto: dapd

Ohne Pathos, aber mit Verve und treffsicherer Provokation ist er in den Sphären unterwegs, die sein Leben prägen: Investigation, politische Aktion, Bildungsprojekte für Arbeiterkinder. Oft auch gehört das Risiko an Leib und Leben zur Wallraff-Aktion. 1974, im letzten Jahr der griechischen Militärdiktatur, kettete er sich in Athen an einen Laternenmast, forderte die Freilassung von Oppositionellen aus der Haft und wurde in der Folge selber gefoltert und wochenlang inhaftiert. Als Biermann ausgebürgert wurde, 1976, nahm Wallraff ihn eine Weile auf, und mehrmals beherbergte er Salman Rushdie, auf den Ayatollahs im Iran ein Kopfgeld ausgesetzt haben. Bis vor wenigen Wochen war Shahin Najib Wallraffs Hausgast, der iranische Rap-Musiker, der ebenfalls von einer Fatwa bedroht wird. Weil zu viele davon wussten, brachte der Gastgeber den Verfolgten an einen weiter weg gelegenen Ort.

Für die Öffentlichkeit ist zweifellos Wallraffs Rolle des Bären auf dem Försterball die faszinierendste. Im liberalen Skandinavien ist sein Ruf so groß, dass sich das Verb „wallraffen“ für das Aufdecken von Missständen mit den Mitteln der Tarnung eingebürgert hat. Gewallrafft hatten indes schon vor ihm einige Mutige, etwa in den USA, wo Journalisten sich zwischen 1900 und dem Ersten Weltkrieg darin betätigten, Korruption in Institutionen

Günter Wallraff nach seiner Freilassung in Griechenland 1974.
Günter Wallraff nach seiner Freilassung in Griechenland 1974.Foto: picture-alliance/ dpa

aufzudecken. Theodore Roosevelt soll sie als Erster „muckraker“ genannt haben – etwa „Mist-Harker“ und pejorativ für Enthüllungsjournalisten gebräuchlich. Muckraker galten einerseits als Heroen der Aufklärung, wurden aber auch beargwöhnt, hinter jeder Kulisse Verkommenheiten zu vermuten und vor allem die üblen Seiten der Gegenwart zu beleuchten. Ohne Rollenspiel arbeiteten frühe Enthüller um den Kalifornier Lincoln Steffens im McClure’s Magazine, für das auch Jack London und Upton Sinclair schrieben. Sie brachten die Armut in den Städten ans Licht, Kinderarbeit, staatliche Gewalt, verfilzte Strukturen, und interviewten nicht nur offizielle Vertreter des Systems, sondern „the people“ – damals eine Sensation.

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