Günter Wallraff : Zero Toleranz

In Deutschland herrscht heillose Verwirrung, was Liberalität ist und was Toleranz. Wallraff und Stoiber verwechseln das gerne damit, die anderen so lange zu ärgern, bis sie sich als verstockt entpuppen.

Gregor Dotzauer

BerlinWer die Sache losgetreten hat, wird sich wohl nie mehr klären lassen. War es Edmund Stoiber, besser bekannt als der Kalif von München, der bei einem Politischen Aschermittwoch donnerwetterte: „Liberalität heißt doch nicht, für alles offen zu sein und alles zu tolerieren! Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht!“? War es Ralph Giordano, besser bekannt als der stille Weise von Köln, der gegen den Bau einer neuen Großmoschee in Ehrenfeld als „Religionsausdruck einer fremden Kultur“ vom Leder zog? Oder war es Günter Wallraff, besser bekannt als Ali „Ich verkleide mich als Türke“ Levent, dem finstere islamische Kräfte bis heute verweigern, den „Lackmustest“ auf die Integrationswilligkeit der Kölner Muslime durchzuführen, indem er ihnen Salman Rushdies „Satanische Verse“ vorliest?

In Deutschland herrscht heillose Verwirrung, was Liberalität ist und was Toleranz – wo doch schon der Begriff vom „Lackmustest“ die meisten überfordern dürfte. Er heißt offenbar: Wir ärgern die anderen so lange, bis sie sich wirklich als so verstockt entpuppen, wie wir glauben, dass sie sind. Liberalitätsfundamentalisten von Stoiber bis Wallraff scheinen Toleranz jedenfalls für eine einseitige Angelegenheit zu halten – für eine inhaltliche Angleichung fremder Werte an die eigenen. Der einzig sinnvolle Begriff von Toleranz kann aber nur darin bestehen, widersprüchliche und unter Umständen gut begründete Positionen beizubehalten – dafür jedoch darauf zu verzichten, sie anderen mit Gewalt aufzuzwingen. Diese praktische Trennung ist schwierig genug. Denn sanktionieren kann man nur öffentliches Verhalten – nicht, was sich in den Köpfen abspielt. Alles andere läuft auf Theologie anstelle von Politik hinaus.

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