Kultur : Gütesiegel

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Simone Fässler über Antje Vollmers Landschaftsschutz im Kulturbiotop

Die Kandidatur um die Aufnahme in die Unesco-Liste des Weltkulturerbes gleicht in vielem derjenigen um die Ausrichtung olympischer Spiele, mit einem Vorteil: Hat man’s einmal geschafft, ist man für immer dabei. Sportlich ist auch der Wettbewerb unter den Nationen: Italien führt die Liste an mit 39 Objekten, Deutschland liegt mit inzwischen 28 Objekten nicht weit dahinter.

Nachdem die bedeutenden Bauwerke aufgenommen sind, von den Pyramiden über den Dom von Pisa zum Bremer Rathaus, hat man sich in jüngerer Zeit vermehrt nach Kulturlandschaften umgesehen, die als Ganze zum schützenswerten Gut erklärt werden könnten. Eben hat es das Mittelrheintal geschafft, Welterbe zu werden. Warum dann nicht auch die deutsche Theaterlandschaft? Die Grünenpolitikerin Antje Vollmer – dem Landschaftsschutz per Programm verpflichtet - hat die Idee aufs Tapet gebracht. Sie möchte die 943 Häuser umfassende Landschaft „verdichteter Realität“ pflegen, bewahren, retten und im gleichen Zug auf Dauer vom finanziellen Überlebenskampf befreien.

Die Idee ist bestechend. So wäre nur noch zu prüfen, ob das Objekt die Aufnahmekriterien erfüllt: Eine „einzigartige künsterlische Leistung mit beträchtlichem Einfluss auf die kulturelle Entwicklung“ muss es sein, „ein außergewöhnliches Zeugnis einer untergegangenen Zivilisation oder Kulturtradition“ und/oder die „Darstellung eines bedeutsamen Abschnittes in der menschlichen Geschichte, insbesondere wenn sie unter dem Druck unaufhaltsamen Wandels vom Untergang bedroht ist“. Für die Erfüllung der ersten Kriterien dürften sich unter Mithilfe der Bewohner des zu schützenden Biotops genügend Argumente und Beispiele finden, das letzte legt die Aufnahme in die exklusive Liste geradezu zwingend nahe.

Welch’ rosige Aussichten: Die Theaterleute würden künftig im Hinblick auf Wiederherstellung, Restaurierung und Konservierung von der Unesco beraten, die Finanzierung könnte bei der Weltbank beantragt werden. Und alle, die bevorzugt Unesco-zertifizierte Kultur konsumieren, könnten dann für alle Zeiten im Prater René Polleschs konservierte „Stadt als Beute“ sehen, am Berliner Ensemble die restaurierten Inszenierungen von Brecht und in Bayreuth den in aller Üppigkeit wiederhergestellten „Ring des Nibelungen“ von 1876.

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