Guggenheim Berlin : Quadratisch, gelb, gut

Mal werden Grüntöne in Abstufungen miteinander kombiniert, dann stoßen Beige und Blaugrau im kalkulierten Kontrast aufeinander. Abstrakte Kunst - nicht nur von Josef Albers - im Guggenheim Berlin.

Christiane Meixner

Disziplin. Sie manifestiert sich bei Josef Albers in seiner berühmtesten Komposition: dem Quadrat im Quadrat im Quadrat. Theoretisch unendlich setzt sich auf Bildern wie „Homage to the Square“ von 1966 das Prinzip der Wiederholung durch. Abwechslung erfährt es allein durch die Farben. Albers, der prägende Bauhaus-Lehrer, feierte den Sieg von Blau, Gelb und Rot über die Form.

So streng die späten Mappenwerke in der Deutsche Guggenheim daherkommen, so spielerisch wirken ihre Farbexperimente. Mal werden Grüntöne in Abstufungen miteinander kombiniert, dann stoßen Beige und Blaugrau im kalkulierten Kontrast aufeinander. Trotz des immergleichen geometrischen Aufbaus verändert sich der Eindruck – manche Blätter wirken tiefenräumlich, auf anderen scheinen die Formen in der Fläche zu schweben. Die Deutsche Bank, aus deren Sammlung sich die Ausstellung „Abstraktion und Einfühlung“ größenteils speist, hat Albers Serien als eine der ersten Arbeiten erworben. Sie zeigen, wie groß die Wirkungsmöglichkeiten allein der Farbe sind.

Den Mappen von Albers folgten Ölskizzen, die in der Ausstellung von einem schwarzweißen Gemälde aus dem Solomon-R.-Guggenheim-Museum ergänzt werden. Sie zeigen die Vorstufen zur perfekten Abstraktion der Druckwerke, wo jede Linie korrekt gezogen ist und die Farbe nirgendwo über die Ränder tritt. Was für ein schöner Gegensatz, wenn Albers sich solche Ungenauigkeiten gönnt. Sie lösen den Anspruch der Ausstellung fast besser ein, als es die Zusammenstellung der Künstler vermag – denn dass Albers, Paul Klee und Piet Mondrian in eine andere Richtung als Michael Buthe, Blinky Palermo, Thomas Schütte und Philip Guston segeln, macht schon der zeitliche Abstand klar. Während die ersten an der Schwelle zur Moderne standen und ein Maler wie Mondrian erst „das Objekt aus dem Bild eliminieren“ musste, konnten die anderen auf die Vorarbeit der Avantgarde bauen und den Gegenstand wieder zulassen. Auch wenn Palermo und Guston wegen ihrer vermeintlich banalen Motive – Dreiecke, Hufeisen, ein Schuh – zu Lebzeiten angefeindet wurden.

„Abstraktion und Einfühlung“, der Titel passt auf alle hier gezeigten hundert Werke. Auf das mit Farbe und Glitter getränkte Panorama „Babylonian Writings“ (1983) eines Michael Buthe, das erst ungeheuer anschaulich wirkt und am Ende doch nur bruchstückhafte Formen bietet. Und ebenso zu den monochromen Zeichen von Blinky Palermo, der ständig ästhetische Störungen einbaut und dem alle Perfektion widerstrebt. Dass sich die Kuratorin der Ausstellung, Carmen Giménez vom New Yorker Guggenheim- Museum, für ihre Auswahl nur zu gern auf Wilhelm Worringer beruft, dessen Dissertation „Abstraktion und Einfühlung“ von 1907 den Blick auf die Kunst des 20. Jahrhunderts maßgeblich geprägt hat, ist nachvollziehbar und legitim. Schließlich teilte Worringer die Entwicklung der Malerei in zwei Stränge, von denen der eine nach objektiven Kriterien strebe, während der andere den individuell erzählerischen Stil pflege.

Dabei blickte Worringer bis auf die Ursprünge der Kunst zurück und suchte nach einem theoretischen Modell für die zurückliegende Zeit. Heute greift das Prinzip dieses Gegensatzes allerdings nur beschränkt. Für Albers und seine Kombattanten gilt vielmehr die doppelte Identität: Aus dem Widerspruch entstehen janusköpfige Werke, die beide Tendenzen aufweisen. Das macht ihren Status als Ikonen aus. Nicht einmal Thomas Schüttes „Fifteen Monuments“, von denen einige in der Ausstellung vertreten sind, verstehen sich als Zeichnungen für konkrete Gebäude, sondern als imaginäre Architektur. Auch wenn der Titel der Ausstellung rein retrospektiv bleibt, lohnt die Schau mit ihren teils privaten Leihgaben und Sammlungsexponaten sich doch, als rare Gelegenheit, die Arbeiten dieser Künstler zu sehen.

Deutsche Guggenheim Berlin, Unter den Linden 13/15, bis 16.10. , tägl. 10 - 20 Uhr, Do bis 22 Uhr

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