Kultur : Guggenheim: Poker mit Picasso

Bernhard Schulz

Seit Jahr und Tag streitet Rem Koolhaas wider das Erbe der Moderne. Der niederländische Architekt, mit dem Pritzker-Preis des Jahres 2000 zum Weltstar geadelt, kämpft gegen "intellektuellen Snobismus" und für die Anerkennung des Gewöhnlichen. Wo könnte er das überzeugender tun als in Las Vegas, diesem Inbegriff der Künstlichkeit?

Ausgerechnet in der "Stadt der Sünde" hat der 56-jährige Asket Koolhaas seinen jüngsten Entwurf ausführen können. Das Spielerparadies zeigte sich in diesen Oktobertagen wenig beeindruckt - ebenso wenig übrigens wie von Terror und einsetzendem Krieg. Patriotische T-Shirts, patriotische Reklamewände - ansonsten aber: the show must go on. Gegen die visuelle Macht der Kulissenarchitektur von Las Vegas kann die Realität kaum bestehen, geschweige denn ein Architekt, der zwei Filialen für das New Yorker Guggenheim Museum mitten in der Kulturwüste von Nevada errichten sollte.

Koolhaas hat einen potenten Mitstreiter für die Vereinigung von high und low culture gefunden: Thomas Krens. Der eher als Unternehmer denn als Museumsleiter geltende Guggenheim-Chef befindet sich, seit er 1988 die Leitung des Museums übernahm, auf Expansionskurs. Mit dem Guggenheim-Ableger im nordspanischen Bilbao gelang ihm 1997 ein derart durchschlagender Erfolg, dass "Guggenheim" seither als Synonym für die Verbindung von Markt und Museum gilt. Anfang diesen Jahres hat sich Krens mit der Eremitage in St. Petersburg zu einer Kooperation verbündet, die Kunstwerke und Ausstellungen rings um den Globus zirkulieren lassen soll und in Las Vegas ihre Premiere feiert. Die Eremitage braucht Devisen, um ihren vom russischen Staat im Stich gelassenen Betrieb aufrecht zu erhalten, und die erwirtschaftet sie durch die Ausleihe ihrer Schätze. Wieviel Eremitage-Direktor Michail Piotrowski tatsächlich von alledem hält, ließ er bei der Eröffnung durchblicken. Im Sozialismus habe er gelernt, dass die Kunst dem Volke gehöre - "und hier sind wir, wo das Volk ist".

Das kann man wohl sagen. "The Venetian Resort-Hotel-Casino", das die beiden neuen Guggenheim-Filialen auf seinem weitläufigen Areal birgt, ist eines der größten Häuser am Ort, vor zwei Jahren eröffnet, anderthalb Milliarden Dollar teuer, mit 3036 Zimmern und doppelt so vielen Betten, einem Spielcasino zu ebener Erde, das unter anderem 2200 Geldspielautomaten bietet. Der Clou aber ist der Nachbau von Venedig: Im ersten Stock plätschert das Wasser eines "Grand Canal", befahren von trällernden Gondoliere und gesäumt von vermeintlichen Palazzi, hinter deren Gipsfassaden sich einhundert Ladenlokale mit einigen der bekanntesten Markennamen drängen. Und dann weitet sich die gewundene Einkaufsmeile zu einem veritablen "Markusplatz", über dem sich blauer Himmel als Deckengemälde wölbt, denn natürlich findet Venedig im klimatisierten Saal statt. Draußen, zum legendären "Strip" hin - der Hauptstraße von Las Vegas -, locken Dogenpalast und Rialtobrücke, ja sogar ein kompletter Nachbau des Campanile zum Besuch des "Venetian", einer Aufforderung, der 50 000 Besucher Folge leisten - pro Tag wohlgemerkt, übers Jahr gerechnet also rund 15 Millionen.

Das sind Zahlen, die Thomas Krens nicht unbeeindruckt lassen konnten. Der Guggenheim-Chef ließ sich bei seinem Erstbesuch im Spielerparadies davon überzeugen, dass sich die Struktur der Las-Vegas-Besucher "dramatisch verändert". 37 Millionen sind es im Jahr, Tendenz stark steigend, und ein immer größerer Prozentsatz kommt der zahlreichen Kongresse wegen oder zum Shoppen in den Luxusläden der Großcasinos. "Die Kongressteilnehmer und Touristen", so Geschäftsmann Krens, "sind unser Publikum".

Und davon will das Guggenheim-Museum einen nennenswerten Teil abhaben - und mit ihm das "Venetian Hotel", dessen zum Klischeebild des uramerikanischen selfmademan geblähter Besitzer immerhin 35 Millionen Dollar in das Wagnis Guggenheim investiert hat. Denn die beiden Neubauten zählen zu seinem Imperium, als zusätzliche Attraktion im Kampf um Kunden. 5000 Besucher täglich werden als Mindestzahl erwartet, zehntausend als möglich angesehen. Das Guggenheim-Museum selbst tritt lediglich als Betreiber auf, entrichtet sogar eine - wie alle Details als Geheimnis gehütete - Miete und pocht im übrigen auf seine vollständige Unabhängigkeit in der Auswahl und Gestaltung der Ausstellungen. Auf sieben Jahre ist der Vertrag geschlossen, für das rastlos sich wandelnde Las Vegas eine Ewigkeit.

Zwei Bauten hat Koolhaas errichtet, eine große, immerhin 6000 Quadratmeter Fläche bietende Halle zwischen Bettenturm und Parkhaus und eine zehn Mal kleinere im Inneren des Gebäudes, zwischen der in Marmor und Deckenfresko schwelgenden Lobby und der Außenfassade, sichtbar also nach drinnen wie nach draußen. Die "Big Box" für das "Guggenheim Las Vegas" ist eine von Stahlstützen getragene, siebzig mal fünfzig Meter messende Industriehalle mit wandgroßem Tor und 35-Tonnen-Laufkran unter der Decke, eine vollständig leere, flexible Hülle mit einem Untergeschoss, das wahlweise wie ein Graben offen gelassen oder durch Stahlplatten abgedeckt werden kann. Das kleine "Schmuckkästlein" für das "Guggenheim Hermitage Museum" hingegen ist ein gestreckter Schuhkarton von 600 Quadratmetern Grundfläche mit Wänden aus rostbraunem, freilich fein lasiertem Cor-Ten-Stahl, der an die Samtbespannung der Eremitage-Wände erinnern soll. Die Stahlplatten hat Koolhaas schwebend über handbreit hohem, verglasten Sockel angebracht, so dass ein Streifen Außenwelt hereinscheint. Auch die drei stählernen Raumteiler schweben zwischen Fußboden und Decke aus edlem, warmtonigen Holz.

So unterschiedlich die beiden Gebäude, so gegensätzlich ihre Eröffnungsausstellungen: In der Fabrikhalle zeigt Guggenheim seine mittlerweile drei Jahre alte Hochglanzschau "Die Kunst des Motorrades", im stählernen Kunsttresor hingegen "Meisterwerke und Meistersammler - Gemälde des Impressionismus und der frühen Moderne". Gemeinsam haben die beiden Ausstellungen, dass sie selbst in Las Vegas kaum fehl gehen können. Die Motorräder, von BMW finanziert und ursprünglich auch einmal für eine Station in Berlin vorgesehen, gerieten bereits in New York mit 1,1 Millionen Besuchern zum größten Publikumserfolg des Guggenheim-Imperiums. Die Gemälde hingegen, die die bekannte, französisch gefärbte Geschichte der Klassischen Moderne mit Einsprengseln von Marc und Kandinsky illustrieren, sind rund um den Globus als Attraktion bewährt. Insbesondere die Eremitage hat zu der 45 Werke umfassenden Auswahl wahre Inkunabeln der französischen Malerei beisteuern können, von Picasso gar die epochalen "Drei Frauen" von 1908. Guggenheim hält mit Marcs "Gelber Kuh" von 1911 dagegen, die das Museum seit Jahren als cash cow seines Souvenirangebots ausschlachtet.

Die Motorräder allerdings, rund 130 an der Zahl und gegenüber der Erstversion der Ausstellung geringfügig aktualisiert, sind in Las Vegas endlich am wahren Ort ihrer Bestimmung angekommen. Nirgendwo ist das "Ideal von Freiheit und Mobilität", wie es "Venetian"-Besitzer Sheldon Adelson beschwor, greifbarer als inmitten der endlosen Wüste Nevadas - und wurde zur Eröffnung entsprechend inszeniert vom "Guggenheim Motorrad-Club"auf den blinkenden Maschinen des Hauptsponsors BMW. Frank Gehry, ein weiterer Star und seit seinem Bilbao-Genistreich der Hausarchitekt Guggenheims, hat die Motorräder, die das ganze 20. Jahrhundert überspannen und wohlgeordnet in chronologischen Segmenten präsentiert werden, in elegant gedrehte und verspiegelte Raumteiler gehüllt. Sie erheben sich bis fast zum Stahldach der 23 Meter hohen Halle. Hier, innerhalb der funktionalen Nicht-Architektur der Koolhaas-Halle, kommt Gehrys Designtalent zur schönsten, weil konkurrenzlosen Entfaltung.

Was aber auf BMW und Picasso folgt, wird noch verhandelt. Hotel-Chef Adelson wünscht sich unter anderem Leonardos "Madonna mit Kind". Die hängt in der Eremitage. Da verzog Michail Piotrowski ganz leicht nur seine Miene.

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