Guiseppe Verdi : Ohne Dogma

Wenn Giuseppe Verdi hätte abstimmen müssen über einen Pro-Reli-Gesetzesentwurf, er hätte sein Kreuz wohl bei "Nein" gemacht. Dem institutionalisierten Glauben stand der Maestro zwiegespalten gegenüber – und vielleicht passen seine "Quattro pezzi sacri" ja deshalb so gut in diesen Berliner 1.-Mai-Abend.

Daniel Wixforth

Zumal Sir Andrew Davis die dem Namen nach geistlichen Stücke in der Philharmonie extrem weltlich, sehr reflexiv angeht. Bringt er den Rundfunkchor Berlin im „Ave Maria“ zu einem zäsurlos-sakralen Fließen, so ist das nur eine Scheinreligiosität, die im „Stabat Mater“, noch stärker im finalen „Te Deum“, orchestral mit allen Mitteln hinterfragt wird. Klug verwischt das Deutsche Symphonie-Orchester hier die Klänge, schleudert dem Chor kritische Chromatik und betonierte Akkordsäulen entgegen. Die Sänger wiederum antworten mit süßlich-weicher Transzendenz und wirken nur im 3. Satz (Frauenstimmen) etwas uninspiriert.

Im zweiten Teil dieser konzertanten Religionsstunde (oder ist es doch eher Ethik?!) folgt dann Charles Ives, der in Deutschland immer noch Ungeliebte: Dessen 4. Symphonie fußt auf Kirchenliedern, tarnt diese aber in einem vielschichtigen Klanggemisch, wie auf einem Volksfest, bei dem man nie ausmachen kann, welche Musik gerade woher kommt. Davis und seinem Co-Dirigenten Ward Stare gelingt es auf erstaunliche Weise, dieses Durcheinander aufblühen zu lassen, es im selben Atemzug aber sachlich zu erklären. Ein hoch konzentriertes, toll ausdifferenziertes DSO tut das Übrige, bevor das Finale leise fragend verklingt. Andrew Davis macht klar: Ives gibt – wie auch Verdi – keine dogmatischen Antworten. Das Berliner Publikum ist davon begeistert. Daniel Wixforth

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