Kultur : Gulagleben

Warlam Schalamow im Literaturhaus Berlin.

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Er ist der radikalste Chronist des stalinistischen Lagersystems, den die Literatur jemals hervorgebracht hat. Erst vor einigen Jahren im Berliner Verlag Matthes & Seitz für das große Publikum entdeckt, sind Leben und Schicksal des Warlam Schalamow nun in einer Ausstellung des Berliner Literaturhauses zu besichtigen. Eine fast 20-jährige Lagererfahrung, zunächst an der Wischera, dann in der nordsibirischen Todeszone, ließ den 1907 in Wologda geborenen Schriftsteller in die Stollen der Finsternis steigen.

Mit Bildern des polnischen Fotografen Tomasz Kizny weht den Besucher gleich eine Ahnung jener permafrostigen Weite an, die auch die 876 000 deportierten Zwangsarbeiter empfangen haben mag, die zwischen 1932 und 1953 am Ende der Welt strandeten. Die SchwarzWeiß-Fotografien, unterlegt mit Auszügen aus Schalamows Kolyma-Erzählungen, offenbaren eine Landschaft, in der sich nach dem Ende des Gulag die Natur ihr Recht zurückerobert hat. „Die Lagerwelt verkommt“, klagte Irina Ostrowskaja von der Gruppe „Memorial“ bei der Eröffnung, „vom Lagerleben gibt es kaum noch Zeugnisse“.

Doch was die Kuratoren Christina Links und Wilfried F. Schoeller, der auch den Begleitband verantwortet, an Material – darunter auch seltene Originale aus Privatsammlungen – zusammengetragen haben und in einer mit Gittern bewehrten Ausstellungsarchitektur präsentieren, ist so beklemmend wie die Prosa Schalamows. Dem Betrachter vermittelt sich dabei das Gefühl des Eingesperrtseins, das den Autor zeitlebens begleitete.

Die Enge der Kindheit und Jugend im Haushalt des strengen Vaters, einem orthodoxen Geistlichen, mündet für den gerade 22-Jährigen nach einer Denunziation 1929 fast unmittelbar in das „Besserungsarbeitslager“ Beresniki. Unterbrochen wird diese Lebensphase nur von zwei kürzeren Aufenthalten in Moskau, wo Schalamow Jura studiert und in der turbulenten künstlerischen Avantgarde nach Orientierungspunkten sucht, und einer ebenso knappen Familienphase in den 30er Jahren.

Sah der als trotzkistisches und „sozial schädliches Element“ Verurteilte Beresniki noch als „Chance moralischer Läuterung“ (Schoeller), lernte er in den 16 Jahren in Kolyma, wie leicht es für den Menschen ist, sein Menschsein zu vergessen. Das Extremklima, der Hunger, die unmenschlichen Arbeitsbedingungen und die allgegenwärtige Willkür waren die Bedingungen, an denen sich das Verhalten der Lagerinsassen ausrichtete und das Schalamow von 1951 bis 1974 protokolliert hat. Im Ausnahmezustand, war er überzeugt, kapituliert der Geist, und es entscheidet nur der Körper: „Das Brot essen alle sofort, so kann es niemand stehlen und niemand wegnehmen, und man schafft es auch nicht, es aufzusparen.“

Von Menschen, die solches erfahren haben, könne man nicht in der ersten Person erzählen, entschied Schalamow, nachdem er 1953 aus Kolyma zurückkehrte, denn diese Menschen seien „ohne Vergangenheit, ohne Zukunft“. Diese radikale Absage an eine sinnstiftende Biografie ging mit seiner unermüdlichen Rückeroberung der verlorenen Sprache einher: „Meine Worte waren arm.“

Schlimmer jedoch als die Lagererfahrung, urteilt Schalamow-Biograf Valeri Jessipow, sei die Nichtanerkennung seiner Literatur gewesen. Als er – mittlerweile ein mittelloser Invalide, weil seine Arbeitsleistung im Lager nicht anerkannt wurde – seine Texte zu veröffentlichen versuchte, wurde er aufgefordert, Gedichte über die Jugend zu schreiben. Die Helden seiner Erzählungen, hieß es, hätten „nichts Menschliches mehr“.

Das Gefühl der Verspätung, das an Schalamow nagte, bestätigt sich nun einmal mehr in seiner posthumen Entdeckung. Vielleicht beschert sie ihm am Ende einen nachhaltigere Position als Solschenizyn, in dessen literarischem Schatten er stand. Dass das russische Lagersystem lange nachwirkt, lässt sich am aktuellen Hilferuf der Pussy-Riot-Aktivistin Nadeschda Tolokonnikowa ablesen. Immerhin wissen wir um ihr Schicksal. Schalamow musste sich das Leiden im Gulag nachträglich immer wieder vergegenwärtigen. Ulrike Baureithel

Literaturhaus Berlin, bis 8. 12. (Di-Fr 13-19, Sa/So/feiertags 11-19 Uhr), Eintritt frei. Umfangreiches Begleitprogramm. Katalog bei Matthes & Seitz (350 S., 24,90 €).

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