Kultur : "Gullivers Reisen": Swifts böser Blick auf den Menschen

Zu Unrecht zum Kinderbuch verharmlost - obwohl es, auch, eines der wunderbarsten Kinderbücher, ein Reisebuch in fantastische Länder ist -, darf man in Jonathan Swifts 1726 erschienenem vierteiligen Roman "Gullivers Reisen" die gewaltigste Satire auf die Menschheit und das Menschsein sehen. Eine Satire auf die physischen und gesellschaftlichen Konditionen des Menschen, der sich in den Reisen des Kapitäns Gulliver auf viererlei Weise geprügelt sieht: zum Zwerg verkleinert in seiner hybriden notorischen Eitelkeit; zum Riesen vergrößert wegen seiner plumpen, ja ekligen Beschaffenheit und seines klobigen Wesens; zum Gelehrten verzerrt, dessen Weltfremdheit die vorgebliche Klugheit zu Narretei entstellt; und schließlich zum Tier verfremdet, dem die edlen Pferde an Menschentum, Sauberkeit und Würde unendlich überlegen sind. Die misanthropische Perspektive der Satire, die aus menschenfreundlichem Scherz geboren ist, befähigt den Autor zu gnadenlosen Befunden der condition humaine: etwa, wenn die Riesen königlich kannibalisch mit überlebensgroßen Messern und Gabeln dinieren und eine liebliche Hofdame, auf deren Brustwarze Gulliver sitzt, ihre poröse Haut, ihre borstigen Haare und ihren Geruch offenbart, während sie in ein Fass uriniert. Swift hat den bösen Blick auf den Menschen, besonders im letzten Teil der Reise, wo die plattnasigen Yahoos, in ihrer dumpfen Triebhaftigkeit Spiegel der Menschheit, Gulliver und Swift als "verhasste Tiere" erscheinen: eine grandiose Utopie aus Abscheu und verzweifelter Liebe.

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