Kultur : Gunnar, der Held

Henryk M. Broder

Jeden Freitagabend verlässt Arthur Björgvin Bollason sein Haus, seine Frau und seine zwei Kinder, fährt mit seinem alten Mercedes 12 Kilometer in das Saga Zentrum von Hvolsvöllur und dreht die Uhr um 1000 Jahre zurück. Der Lyriker, Übersetzer und Radio-Moderator braucht etwa eine Stunde, um sich mit Haargel und Make up in einen Mönch zu verwandeln. Die Kutte aus grobem Leinen hat er sich maßschneidern lassen. Dann tritt er hinaus in den großen Saal des Saga Zentrums und kündigt den Besuchern einen "aufregenden Abend" an, sie würden gleich "Gunnar - der Held!" sehen, das erste Saga-Musical der Welt und zugleich das nördlichste Musical Europas. Im Saal sitzen, hufeisenförmig arrangiert, etwa 90 Gäste, zwei Drittel Isländer, ein Drittel Skandinavier, Amerikaner und Engländer.

Für Isländer ist der Besuch des Saga Zentrums, etwa 100 Kilometer östlich von Reykjavik, so etwas wie für die Deutschen eine Fahrt zum Drachenfels - ein Ausflug in die eigene Geschichte. Für Touristen ist es eine Begegnung mit dem "eigentlichen", dem "echten" Island. "Ein Muss für alle, die die isländische Seele kennen lernen möchten!" Deswegen fängt der Abend mit einem typisch isländischen Buffett an, als Vorspeise gibt es Räucherlamm in dünnen Scheiben, als Hauptgericht Lammbraten, dick geschnitten.

Dann wird aus der Bar, wo eben noch Bier gezapft wurde, ein Vikinger-Schiff und schon kommen die wilden Männer angerudert. Vorneweg mit einer Helebarde Gunnar, der Held, gespielt von Jon Smari Laurusson, im Zivilberuf Chef des Straßenamtes von Hvolsvollur, neben ihm sein "Bruder" Kolskeggur, der Gisli Stefansson heißt und in der Fleischfabrik im Nachbarort Hella arbeitet. Gunnar singt Bariton, Kolskeggur Bass, beide haben eine ordentliche Gesangsausbildung abgeschlossen. Die übrigen "Vikinger" sind verkleidete Mitglieder des lokalen Männerchors.

Der einzige, der nicht singt, ist Arthur Björgvin Bollason, er moderiert das Musical, das heißt, er spricht die Texte zwischen den neun Songs, die das Gerüst des Stückes ausmachen. "Zeige mir einen Helden, und ich erzähle dir eine traurige Geschichte!" ruft Arthur in den Saal. Denn Gunnar ist ein Held mit einer traurigen Geschichte: Siegfried, Kohlhaas und Billy the Kid in einem. Er hat wirklich gelebt, von 945 bis 990, und er ist die zentrale Figur des Njals-Saga, die um 1280 von einem unbekannten isländischen Autor aufgeschrieben wurde. Das Saga zentrum in Hvolsvollur dokumentiert die Njals-Saga in einer Ausstellung und führt Besucher an die authentischen Orte, wo freilich kaum Überreste zu sehen sind, weswegen das Programm "Exploring the invisible" heißt. "Wir wissen genau, wo sich alles abgespielt hat", sagt Arthur, der Direktor des Saga Zentrums, "aber wir haben keine archäologischen Belege".

So hilft das Musical, die Geschichte zu rekonstruieren. Bollason hat die Texte und die Musik, die schon Ende des 19. Jahrhunderts geschrieben wurden, ein wenig "entstaubt". Mehr war nicht nötig, um den "Lebensweg von Gunnar" in ein Musical zu verwandeln. Denn die Story selbst ist ein klassischer Plot aus Love, Sex and Crime. Gunnar lernt auf einem Thing-Treffen die rätselhafte Hallgerdur kennen und verfällt ihr, obwohl ihn alle vor der zweifachen Witwe warnen. Während Gunnar und sein Freund Njal wunderbar miteinander auskommen, hassen Hallgerdur und Bergthora, Njals Frau, einander. Es kommt zu allerlei Verwicklungen, in deren Folge Gunnar ein paar Herausforderer erschlägt. "Er wurde ständig in Geschichten verwickelt, ohne dass er etwas dafür konnte", sagt Arthur. Schließlich wird Gunnar zur Verbannung verurteilt, der damals härtesten Strafe. Schon auf dem Weg ins Exil dreht er sich noch einmal um und sagt den Satz, den jedes isländische Kind aus dem Geschichtsbuch kennt: "Schön ist die Halde, so schön ist sie mir noch nie vorgekommen, gelbe Äcker und frisch gemähte Wiesen, ich kehre um und reise nicht ..." Gunnar ist nun vogelfrei und wird von seinen Feinden getötet, wobei ihn auch seine Frau im Stich lässt. "Es war eigentlich ein guter Typ", sagt Arthur, "ein Held und eine traurige Gestalt, und er hat das verteidigt, was ihm das Wichtigste war: seine Ehre".

Und deswegen wird Gunnar, der Held, noch heute von den Isländern verehrt. Letztes Jahr kamen 12 000 Besucher nach Hvollsvöllur, dieses Jahr werden es über 18 000 sein. Gunnar und Hallgerdur haben nicht nur eine wilde Vergangenheit, sie haben auch eine globale Zukunft. Vor ein paar Wochen besuchten 70 Mitglieder der isländischen Esperanto-Gesellschaft die Ausstellung und hinterher das Musical. Und dann überreichten sie Arthur Björgvin Bollason eine Esperanto-Fassung der Njals-Saga. "Ich habe mich darüber sehr gefreut", sagt der Direktor des Saga Zentrums, "immerhin ist Esperanto in der Welt weiter verbreitet als Isländisch".

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