Gunnar Dreßler : Wupp mich

Sitzt man Gunnar Dreßler gegenüber, drängt sich vor allem eine Frage auf: warum? Warum übernimmt jemand ein Theater, dem die öffentliche Förderung entzogen wurde und das deshalb vor einem Dreivierteljahr geschlossen wurde, um es mit eigenem Geld auf eigenes Risiko wiederzueröffnen?

Udo Badelt
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Alles frisch. Gunnar Dreßler bei der Probe. Foto: Thilo Rückeis

 Und das in Berlin: Hier gibt es schon fünf große Staatstheater, zahlreiche Privattheater und eine freie Szene, in der sich zwischen 250 und 300 Tanz- und Theatergruppen tummeln. Das Überangebot fordert immer wieder Opfer wie den „Wintergarten“, der im Januar dieses Jahres geschlossen wurde. Ist der Mann wahnsinnig?

Wie ein Wahnsinniger wirkt Gunnar Dreßler nicht. Eher wie ein großer Junge, der weiß, was er will, gelassen, ruhig, immer schlagfertig. Er lacht viel. „Ich bin eigentlich gar kein Neuankömmling“, erklärt er. Seit zehn Jahren lebt er in Berlin. Offenen Auges sei er durch die Stadt gegangen und habe geguckt, wie sich die Theaterlandschaft entwickelt. „Ich habe immer gedacht: Wenn es mal eine Gelegenheit gäbe, würde ich hier gerne ein Theater betreiben.“ Als die Tribüne am Ernst-Reuter-Platz Ende vergangenen Jahres geschlossen wurde, sah er seine Chance gekommen, lieh sich 25 000 Euro zur Gründung einer GmbH und trat in Verhandlungen mit dem Besitzer der Immobilie, mit den Altbetreibern und der Kulturverwaltung.

Drinnen im Haus wird überall gehämmert und gefeilt. Am Sonntag eröffnet die Tribüne wieder, rechtzeitig zu ihrem 90. Jubiläum. Zwei Monate hatte Dreßler Zeit, um die Dreifachfunktion als Theaterleiter, Autor und Regisseur von rund der Hälfte der Stücke zu „wuppen“, wie er es nennt. Aber er ist in seinem Element. Der 54-Jährige sagt, er sei in der glücklichen Lage, neu starten zu können und trotzem ein alter Hase zu sein. Seit dreißig Jahren ist er in dem Beruf. Geboren in Hamburg, begann er dort während des Studiums eine Schauspielausbildung, entdeckte seine Leidenschaft für die Regie und inszenierte in der Kampnagel-Halle. Wie bei freien Produktionen üblich, hatte er sowohl die künstlerische als auch die organisatorische und wirtschaftliche Leitung: „Es zeichnete sich früh ab, dass diese Kombination eine meiner Stärken ist.“, Er lernte, begrenzte Ressourcen optimal einzusetzen. Bald war klar: Ein eigenes Haus wäre nicht schlecht.

Die Einnahmen aus dem Erfolgsstück „Der Kontrabass“ von Patrick Süskind lieferten ihm das Startkapital. 1989 eröffnete er das Theater in der Basilika, so benannt nach der dreischiffigen ehemaligen Maschinenbauhalle im Hamburger Stadtteil Ottensen, in der das Theater untergebracht ist. Er erreiche hier, sagt er, bei rund 100 Plätzen eine Auslastung zwischen 50 und 70 Prozent, vor allem mit Gegenwartsstücken, einigen Klassikern wie Ibsens „Nora“ und Filmadaptionen. Das ist das Stichwort. „Wäre ich nicht ans Theater gegangen, wäre ich Filmregisseur geworden“, sagt Dreßler. Filme sind seine zweite Leidenschaft, vor allem solche, die die Gegenwart ihrer Entstehungszeit auf einen Punkt zu bringen scheinen, wie „Stranger Than Paradise“ von Jim Jarmusch. Jetzt schreibt Dreßler Drehbücher oder adaptiert sie für die Bühne – wie „Die fetten Jahre sind vorbei“, das bundesweit an 20 Häusern und in Berlin am Gorki-Theater gezeigt wurde. Er hat den Verlag „Dreamland Media“ gegründet, der die exklusiven Theaterrechte an den Drehbüchern von Hans Weingartner oder Til Schweiger besitzt.

Hamburg war Gunnar Dreßler irgendwann nicht mehr genug. „Wenn sie in einer Stadt geboren sind, wird die ihnen irgendwann zum Dorf, auch wenn sie zwei Millionen Einwohner hat.“ 2000 zog er zu seiner Frau und seinen Kindern nach Berlin-Mitte, wo er seither als Autor lebt. Auch das Theater in der Basilika managt er von hier aus – er sei ein „vielgliedriger“ Mensch, sagt er. Seine Kontakte zur Berliner Theaterszene waren bisher eher privat. Mit Dieter Hallervorden, der gerade mit dem Steglitzer Schlossparktheater ein ähnlich kleines Haus mit großer Vergangenheit wiederbelebt, hat er aber noch nicht gesprochen. Die Tribüne hat Dreßler in den letzten Jahren vor der Schließung ein paar Mal besucht. „Es war sehr solide, was da gezeigt wurde, aber nicht mein Stil. Ich hatte das Gefühl, da wäre mehr drin, auch Frischeres“. Das Wort „frisch“ kommt ihm oft über die Lippen. Eine Verjüngung des Publikums will er erreichen – durch Stücke mit einer Aura, von der man sich angesprochen fühlt.

Was in der Tribüne in den nächsten Monaten gezeigt wird, ist natürlich nicht alles neu. Drei Stücke aber sind Premieren, einschließlich der Uraufführung zur Eröffnung „Der Letzte macht das Licht aus“. Dreßler hat keine Bedenken, dass das Licht hier in den ersten Monaten gleich wieder ausgeht – auch, weil die Kulturverwaltung noch bis Ende des Jahres die Miete an den Besitzer überweist. Ab Januar muss sich das Haus selbst tragen. „Aber das finanzielle Risiko“, behauptet er, „bleibt in einem absolut überschaubaren Rahmen dafür, dass man so etwas Tolles veranstaltet.“ Er klingt überzeugt.

Eröffnungspremiere „Der Letzte macht das Licht aus“ Sonntag, 20.9., 19 Uhr, Otto-Suhr-Allee 18, www.tribuene-berlin.com

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