Gunter Gabriel : Nichts und niemand

Wiederauferstanden: Gunter Gabriel singt jetzt Radiohead und bilanziert die Exzesse seines Lebens.

Christian Schröder
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Auf den Spuren von Johnny Cash. Gunter Gabriel hat mit 67 Jahren sein bislang bestes Album veröffentlicht. -Foto: Sven Sindt/Kuestercom.de

Der Tiefpunkt war in einem Kornfeld irgendwo im Münsterland erreicht. Wieder einmal hatte der Sänger, der zu diesem Zeitpunkt nur noch ein abgehalfterter Exstar war, sich mit seiner Ehefrau gestritten. Aber diesmal war ein Revolver im Spiel, den sie ihm an die Schläfe hielt. Und er, vollgepumpt mit Wodka und dem Tranquilizer Lexotanil, verprügelte sie. Als sich Polizeisirenen näherten, lief er davon und versuchte, sich im Kornfeld hinterm Haus zu verstecken. Doch die Ähren standen nur hüfthoch. „Es dauerte keine fünf Minuten, da hörte ich eine nette Stimme sagen: ,Herr Gabriel, Sie können jetzt rauskommen.’ Wie ein hilfloses Baby auf einem Wickeltisch lag ich auf dem Rücken. ,Ich kann nicht’, winselte ich.“ Die Beamten führten Gunter Gabriel ab. Bald darauf – die Geschichte spielt in den frühen neunziger Jahren – wies er sich selber in die geschlossene Abteilung einer psychiatrischen Klinik ein.

Gabriels Karriere mit einer Achterbahnfahrt zu vergleichen, wäre fast noch untertrieben. Denn tiefer als der Schlagersänger, der in den siebziger Jahren mit Liedern wie „Hey Boss, ich brauch’ mehr Geld“ oder „Komm unter meine Decke“ die Hitparaden eroberte, ist kein Kollege abgestürzt. Er verlor Mitte der Achtziger seinen Plattenvertrag, brachte es auf fünf Millionen Euro Schulden, wurde von Finanzamt, Banken, Gerichtsvollziehern gejagt und zwischenzeitlich per Haftbefehl gesucht. Vom Alkoholismus und Koks, den Depressionen und vier gescheiterten Ehen ganz zu schweigen. Aber jetzt, mit 67 Jahren, ist er wieder obenauf.

Gerade hat Gunter Gabriel sein bislang bestes Album veröffentlicht. Auf „Sohn aus dem Volke“ (Warner) singt er, begleitet von jungen Musikern aus dem BAP-Umfeld, Popsongs von David Bowie, Peter Fox, Ideal und Klee. Als Höhepunkt grummelt er in seiner Version des Radiohead-Klassikers „Creep“ mit tiefster Bassstimme „Ich bin ein Nichts, ich bin ein Niemand“. Die sparsame Instrumentierung und die Unterzeile „German Recordings“ erinnern an die puristischen „American Recordings“ von Johnny Cash, mit dem „Deutschlands einziger proletarischer Sänger“ (Gabriel über Gabriel) bis zu dessen Tod befreundet war. Parallel dazu ist die Autobiografie des Musikers erschienen, in der er noch einmal die Exzesse seines Lebens ausbreitet.

Das Buch heißt „Wer einmal tief im Keller saß“. Was wie ein Lebensmotto klingt, ist eine Anspielung auf den Kohlenkeller, in dem Gabriel als Kind von seinem Vater mit einer Hundepeitsche geschlagen wurde. Der Vater war Bahnpolizist, auf ihn führt der Sohn seine latente Gewalttätigkeit, aber auch sein Rebellentum, die Abneigung gegen alle Uniformträger und Autoritäten zurück. Gabriel wird 1942 im ostwestfälischen Bünde geboren. Als er vier ist, stirbt seine Mutter an den Folgen einer Abtreibung. Er erinnert sich nur an den pferdebespannten Leichenwagen, der sie abgeholt hat. „Mama, Mama, geh nicht weg!“, ruft er, als der Sarg geschlossen wird. Mit 18, inzwischen Schlosserlehrling in Hannover, wehrt sich Gunter per Faustschlag gegen die Attacken des Vaters. Danach sollte er ihn nicht mehr wiedersehen.

Während in Deutschland Rockstars wie Herbert Grönemeyer oder Marius Müller-Westernhagen ihr Privatleben weitestgehend abschirmen, sorgen eher die Schlagergrößen für Sex & Drugs & Rock’n’Roll-Schlagzeilen. Die Branche hat so bizarre Persönlichkeiten wie den vom Les-Humphries-Chorsänger zum „König von Mallorca“ mutierten Jürgen Drews oder Christian Anders hervorgebracht, der sich einst nackt an ein Gefängnistor kettete, um gegen die Verhaftung seines Bruders zu protestieren. Doch auch in diesem an Paradiesvögeln nicht armen Umfeld war Gabriel von Anfang an ein Außenseiter.

Es ist Elvis Presley, der den 14-Jährigen am Radio mit dem Rock’n’Roll-Virus infiziert. Gabriel beginnt, auf seiner Gitarre Songs zu schreiben, und bringt es vom Diskotheken-DJ, Talentshowgewinner und Plattenfirmen-Promoter bis zum Songwriter-Vertrag beim Berliner Hansa-Label. Aber weil er „mit diesem Gesicht“ ohnehin nicht das Zeug zum Star habe, will sein Musikverleger Peter Meisel ihn zunächst nicht ans Mikrofon lassen. Mit „Ich werd’ gesucht in Bremerhaven“, der Adaption eines Cash-Titels, schafft Gabriel trotzdem den Durchbruch.

Nach einem Auftritt in der ZDF-„Hitparade“ bekommt der Sänger Fanpost von Strafgefangenen, er bringt Sozialkritik in ein Genre, das sich bislang strikt apolitisch gab. Während andere Schlagerstars Herzschmerzreime schmachten, die ihre Manager ausgesucht haben, versteht sich Gabriel vor allem als Autor seiner Lieder. „Ich bin mit meinen Songs komplett identisch“, lautet sein Credo. Mit Stücken wie „Er ist ein Kerl (der 30 Tonner Diesel)“ steigt er zum Fernfahrer-Idol auf. Nichtsesshaft ist er selber. Der vierfache Vater lebt, ständig auf der Flucht vor Rechnungen und Strafbefehlen, in Wohntrucks und zeitweilig auf einem Schrottplatz. Seit 1995 ankert er mit einem Hausboot im Hafen von Hamburg-Harburg.

Man kann das für eine selbstgewählte Whitetrash-Existenz oder für gelebten Punkrock halten. Seine inneren Dämonen kennt Gabriel selbst am besten. Er hat Schreibblockaden durchlitten, nach Panikattacken Tourneen abgesagt und einmal sogar mit einem Nebenbuhler ein Wettsaufen um seine Ehefrau veranstaltet. Aber die Abstürze hatten auch ihr Gutes: Sie haben ihn angstfrei gemacht. Wer geschätzte zehn Millionen Euro durchgebracht hat, hat nichts mehr zu verlieren.

Mit Geld kann Gabriel einfach nicht umgehen: „Kommen zwanzigtausend im Monat rein, gehen zweiundzwanzigtausend wieder raus.“ Als er 2007 erneut einen Schuldenberg aufgehäuft hat, verspricht er in einer Talkshow für tausend Euro überall aufzutreten. Sein Telefon steht nicht mehr still, die Wohnzimmerkonzerte sanieren ihn. Ob er mal im Mahagonisarg oder im Pappkarton beerdigt wird, das ist Gabriel egal. Nur eins verlangt er vom Bestatter: „Der Mittelfinger meiner rechten Hand muss ausgestreckt sein.“

Gunter Gabriel mit Oliver Flesch: Wer einmal tief im Keller saß. Erinnerungen eines Rebellen. Edel Vita, Hamburg 2009, 253 Seiten, 19,95 €.

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