Gurlitt: Die Sammlung Glaser : Der Weg der Bilder

Dreizehn Werke aus Gurlitts Schatz gehörten vermutlich in die Sammlung von Fritz Salo Glaser aus Dresden. Eine Spurensuche darüber, wie einer Familie immer neues Unrecht widerfuhr - unter den Nazis, in der DDR und im Deutschland von heute.

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Kunstsammler Glaser und seine Frau. Ausschnitt aus Otto Dix' Familienbildnis von 1925. Fotos: Jürgen Karpinski/VG Bild-Kunst, Bonn
Kunstsammler Glaser und seine Frau. Ausschnitt aus Otto Dix' Familienbildnis von 1925.Fotos: Jürgen Karpinski/VG Bild-Kunst, Bonn

Eine gediegene Anwaltskanzlei im Dresdner Barockviertel. Rote Teppiche führen in ein Besprechungszimmer, in dessen werthaltiger Nüchternheit sich gesprächsweise ein Jahrhundert-Panorama entfaltet, durchwirkt wie ein Gobelin mit Fäden aus Größe und Gier, Persönlichkeit und Pogrom, Treue und Tragik. Der Fund von Cornelius Gurlitts Bilderschatz macht hier exemplarisch staatliches Unrecht und rechtliche Lücken sichtbar.

13 der 25 Bilder, die Anfang vergangener Woche zunächst ins Netz gestellt wurden, gehörten vermutlich einst zur Sammlung des Dresdner Anwalts Fritz Salo Glaser. „Wenn sie das jetzt so schnell wussten, dann haben sie es vermutlich schon in den anderthalb Jahren zuvor gewusst. Und dann frage ich mich, warum sie keinen Kontakt aufgenommen haben – wir haben Suchmeldungen in der Lost-Art Datenbank, da stehe ich als Ansprechpartnerin für die Sammlung Glaser drin!“

Das sagt die Rechtsanwältin von Glasers Erben, Sabine Rudolph, in deren Leben sich gerade alle losen Enden zusammenzufügen scheinen. Rudolph hat über den Fall Glaser ihre Dissertation geschrieben: „Restitution von Kunstwerken aus jüdischem Besitz“ am Beispiel jener Sammlung Glasers und derer von Victor von Klemperer. Glasers Erben waren ihre Gesprächspartner und Quellen, seit 2007 sind sie auch ihre Mandanten.

Sabine Rudolph ist eine zarte Frau von 40 Jahren, die es schon im DDR-Geschichtsunterricht nicht leiden konnte, dass die Juden – nach den Kommunisten – nur als Verfolgte zweiter Klasse galten. Rudolph wurde Restitutionsexpertin, spezialisiert auf Kunstwerke.

Geradezu emotionslos, sagt sie, verlaufe das Geschäft mit der Restituierung anderer Vermögenswerte; Geld in seiner Abstraktion verschwinde in alle Ritzen. Aber Bilder bleiben Bilder, und so treiben auch die Werke aus Glasers Sammlung als Strandgut der Geschichte durch Häuser, Sammlungen und Biografien, aufgeladen mit persönlicher Bedeutung und staatlichem Willen. Im Falle Glaser scheinen sich Zwang und Unrecht auf bizarre, jeweils zeitgemäße Art zu wiederholen.

Begeistert von zeitgenössischer Kunst sammelte der jüdische Rechtsanwalt Fritz Salo Glaser, ehemaliger Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg, in den Zwanziger Jahren Kandinsky, Klee, Kokoschka, Emil Nolde und Karl Schmidt-Rottluff. Er förderte Dresdner Künstler und besonders Otto Dix, der in ihrem Haus ein und aus ging. 1921 porträtierte der Künstler Glaser selbst und 1925 die vierköpfige Familie (siehe oben).

Doch weil Glaser auf einem Diskussionsabend für die „kommunistische Weltanschauung“ geworben haben soll, belegte man ihn 1933 mit Berufsverbot. Der Vorwurf war haltlos, beraubte ihn aber seiner Einnahmen. Minutiös hat Sabine Rudolph recherchiert, welche Gemälde er deshalb veräußern musste. Wie er als Wäschereiarbeiter und Gepäckträger Arbeitsdienst leistete und seinem Deportationsbefehl nur im Durcheinander der Dresdner Bombennacht vom 13. Februar 1945 entfliehen konnte. Das war der erste Streich.

Nach dem Krieg arbeitete Glaser wieder als Anwalt. In der DDR gab es keine Restitutionsansprüche, denn damit wäre ja wieder Privatvermögen entstanden, sagt Rudolph. Die einzige Entschädigung blieb der Status als NS-Verfolgter, als Opfer des Faschismus. Er brachte Glaser eine Schreibmaschine und Kohlen ein, das belegen Anträge. Doch 1947 verteidigte Glaser als Anwalt frühere NaziRichter und forderte für sie ein mildes Urteil. Da unterstellte man ihm „Unterstützung neofaschistischer Bestrebungen“ und entzog ihm diesen Status wieder.

Der Vorwurf  – „absurd, widersinnig, bizarr, paradox“, wie Glaser sich 1951 beschwerte – beraubte seine Frau und Tochter nach Glasers Tod der Opfer-Hinterbliebenenrente. Stattdessen interessierten sich die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden für die verbliebenen Bilder der finanziell bedrängten Familie. Es waren nur die liebsten Bilder übrig, darunter das Familienbildnis, das Dix 1925 gemalt hatte. Heute hängt es in Dresden bei den Neuen Meistern.

Aber das war noch nicht alles. Das der Familie wohl teuerste Bild, das Dix-Porträt von Glaser selbst, verkaufte der Sohn nach der Wende an die Galerie der Stadt Stuttgart, damit es in einem Museum bleibe. Er konnte nicht ahnen, sagte Rudolph, dass deren Direktor als „Strohmann“ für einen ehemaligen Musical-Produzenten handelte, der es 1999 bei Sotheby’s versteigern ließ. Eine juristische Klausel über den zwingenden Verbleib im Museum war „einfach vergessen“ worden, schrieb die Zeitschrift „Art“. Gutgläubig gekauft hat das Bild bei der Auktion ausgerechnet Ronald S. Lauder, Vorsitzender des World Jewish Congress. Und dort, in New York, hängt es jetzt.

Sabine Rudolph hat diese Geschichte über Jahre recherchiert. Die Arbeit zeigt das langwierige Geschäft, dem die Anwälte von Erben in Zeiten jenseits spektakulärer Kunstfunde nachgehen. Da ist Ermittlungsbedarf, Aktenstudium, da sind Kontakte zu Historikern, Händlern, Museen, Auktionshäusern. Rudolph schreibt Privatleute an, die – weil dazu nicht verpflichtet – Auskünfte auch häufig verweigern. Dabei setzt sie auf eine nicht-juristische Kategorie: das Gewissen.

Für Glasers Sammlung etwa gibt es kein Verzeichnis mehr. Erst einmal muss eruiert werden, welche Bilder überhaupt Teil der Sammlung waren. „Manchmal zieht man an einem kleinen Fädchen, und eine ganze Geschichte entwickelt sich.“ In diesem Sinne ist Gurlitt „für uns ein echter Glücksfall.“ Möglich allerdings, dass dieses Glück im Tatbestand der Verjährung verrinnt. Juristisch sei von Vorteil, dass die Bilder die ganze Zeit beim vermutlich bösgläubigen Besitzer geblieben seien. Der wusste wahrscheinlich, meint Rudolph, dass seine Mutter gelogen hatte, als sie sagte, alle Geschäftsunterlagen des Kunsthändler-Vaters seien in der Dresdner Bombennacht verbrannt – schließlich fanden sich Geschäftsbücher in seiner Wohnung in Schwabing.

Aber die Bayern haben sich blamiert, sagt Rudolph. Die Vorstellung, Gurlitt würde alles herschenken, damit im Gegenzug Ermittlungen eingestellt werden, von denen er offenbar wenig zu befürchten hat, sei ungeheuer naiv, „fast schon eine Unverschämtheit“. Stattdessen sind die Bilder in den letzten anderthalb Jahren, in denen sie bei den Behörden lagerten, auf ihre Weise offenbar erneut zur Beute geworden: Beute der Wissenschaftler nämlich, hinter deren Forschungsanspruch die Ansprüche der alternden Erben zurückstehen.

Rudolphs Dissertation hat bislang wenig Widerhall gefunden. „Wenig praktischer Wert“, sagt sie, „weil es recht aussichtslos ist“. Die Washingtoner Erklärung mit der freiwilligen Verpflichtung zur Herausgabe von Raubkunst betrifft nur Institutionen, keine Privatleute. Klar, der Bund kann nur für seine eigenen Einrichtungen sprechen. Würde er über Privatsammlungen bestimmen, wäre das eine neue Enteignung „und dürfte gegen das Grundgesetz verstoßen“.

Aber es ginge auch anders, sagt Rudolph: „Man kann mit finanziellem Ausgleich durchaus enteignen.“ Und tut das auch, wenn etwa Dresden einen ElbeRadweg gegen Grundstücksbesitzer durchsetzt. Und die Sammler zur Herausgabe von Raubkunst zu verpflichten und sie vom Bund, der Unrecht wieder gutmachen will, mit dem Geldwert zu entschädigen? „Das wäre die sauberste Lösung.“

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