Kultur : Guru und Gegenspieler

Joseph Beuys, kombiniert mit Matthew Barney: ein Experiment der Deutschen Guggenheim Berlin

Nicola Kuhn

Die Kombination erscheint zunächst gewagt: Joseph Beuys und Matthew Barney zusammengespannt in einer Doppelschau. Doch wenig später kommen einem auch schon die Gemeinsamkeiten dieses ungleichen Paares in den Sinn: der performative Charakter ihres Werks, der gnadenlose Ganzkörper-Einsatz, die existenzielle Selbstentäußerung, das narrative Element ihrer dramatischen Aktionen, der mythologische Überbau, die Verwendung von Wachs beziehungsweise Vaseline als Material, die Arrangements in Vitrinen als skulpturale Form, die Installationen.

Gewiss, Beuys war für viele Lehrer; sein Einfluss reicht bis ins Amerika der Postmoderne. Doch hat sich bislang noch niemand daran getraut, den wichtigsten deutschen Nachkriegskünstler auf Augenhöhe mit einem aktuellen Werk zu zeigen. Gleichwohl zeigte erst jüngst die Frankfurter Schirn-Kunsthalle bravourös, wie nah Rodin und Beuys einander stehen in einer groß angelegten Doppelschau. Schon in Frankfurt ging eine amerikanische Kuratorin dieses Wagnis ein – und gewann. In Berlin nun ist es wieder eine Amerikanerin, die sich Beuys mutig einverleibt und diesmal einem Zeitgenossen gegenüber zeigt: Nancy Spector vom New Yorker Guggenheim Museum gemeinsam mit der Deutschen Bank. Sie selbst nennt es „an experiment“, zu sehen nun in der Galerie Deutsche Guggenheim Unter den Linden.

Auch dort sind zwei starke Partner eine fruchtbare Beziehung eingegangen, die seit fast zehn Jahren der Stadt einen kulturellen Mehrwert einbringt, um es mit Beuys zu sagen. Die knapp vierzig aus dieser Liaison bislang hervorgegangenen Ausstellungen lockten ein großes Publikum, insgesamt 1,2 Millionen Besucher. Das joint venture aus Kunst und Geld soll noch eine Weile länger währen. Die Verträge zwischen Deutscher Bank und Guggenheim sind ab 2008 nochmals um fünf Jahre verlängert worden; gefeiert aber wird erst im Frühjahr mit der Ausstellung „Affinities“, in der Bankhaus und Museum ihre gemeinsame Sammlung zeigen.

Vielleicht hat diese Erfolgsbilanz dazu verführt, nach den großen Starauftritten mit Bruce Nauman, Bill Viola, Nam June Paik, Hanne Darboven, sich auf unbekanntes Terrain vorzuwagen. Die Kombination von Joseph Beuys und Matthew Barney dürfte kaum ein Publikumsrenner werden. Obwohl im Januar zumindest die Medien den zwanzigsten Todestag von Beuys gewürdigt haben, ist der große Guru kaum in Ausstellungen präsent. Barney zählt zwar heute zu den wichtigsten Erscheinungen der Gegenwartskunst, trotzdem bleiben seine versponnenen Filme, der „Cremaster“-Zyklus, einem breiten Publikum fremd.

Egal, der Erkenntniswille zählt. Und das ist im Kunstbetrieb eine honorable Haltung, wo die Quote zunehmend als wichtigste Rechengröße gilt. Umso bedauerlicher, dass die Ausstellungskonzeption rein additiv erscheint. Großkünstler plus Großkünstler macht eben noch lange keine gute Schau, auch wenn es rein formal viele Anknüpfungspunkte zwischen beiden gibt. Natürlich ist die Ähnlichkeit der Zeichnungen frappierend. Geschickt werden jeweils Blätter zusammen präsentiert, auf denen beide mit dem Bleistift zart Figuren oder Konstruktionszeichnungen imaginieren und sich auf wunderbare Weise etwa gleich große Flecken aus Fett oder Moosabdrücken wiederfinden.

Ein echter Treffer ist auch die Gegenüberstellung beider Installationen, jeweils aus dem Guggenheim-Bestand: auf der einen Seite Beuys’ „Terremoto“ von 1981, bestehend aus einer alten Setzmaschine, an der Manifeste kleben zu Umweltschutz und Fragen des sozialen Engagements sowie Schultafeln lehnen, auf der anderen Seite Barneys „Chrysler Imperial“ von 2002, in der sich ebenfalls seine zentralen Motive, etwa die Insignien der Freimaurer, verdichten und die Einzelelemente ähnlich dramatisch gegeneinander schieben. Die Parallelität in der Performance liegt auf der Hand, bis hin zu dem Punkt, dass beide Skulpturen daraus machen: Beuys den „Eurasienstab“, Barney jenes merkwürdige Vaselinebecken mit angeschlossenem Kühlschrankaggregat, das ihm bei seiner Kletteraktion „Field Dressing“ als Ausgangspunkt diente.

Doch so viel die beiden Künstler an der Oberfläche auch gemeinsam haben, inhaltlich trennt sie weitaus mehr. Beuys bleibt der Beschwörer einer besseren Welt, der Heiler und ist deshalb heute kaum noch angesagt. Barney lebt und webt in seinen mythologisch überfrachteten Welten und gebiert starke Bilder aus einer Filmästhetik, die umso mehr fasziniert. Bei der Frankfurter Begegnung Beuys-Rodin erfuhr man noch Neues über das skulpturale Denken beider Protagonisten. Die Berliner Kombi bleibt da merkwürdig aussageschwach. Den Versuch war es trotzdem wert.

Deutsche Guggenheim, Unter den Linden 13/15, bis 12. 1. Heute, 12 Uhr, Gespräch zwischen der Kuratorin Nancy Spector und dem Künstler Matthew Barney. Das Kino Babylon zeigt parallel Filme.

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