Kultur : Guru und Genius - Der Sitar-Virtuose feiert heute Geburtstag

Kai Müller

Er ist die Vaterfigur einer spirituellen Erneuerung. Als Ravi Shankar Ende der sechziger Jahre sowohl in Woodstock als auch in Monterey auftrat, feierte man den indischen Sitar-Virtuosen wie einen Propheten. Denn die Einheit von musikalischem Ausdruck und Religiösität enthielt das Versprechen einer seelisch-geistigen Befreiung. Der Beatles-Gitarrist George Harrison hatte Shankar 1966 in dessen Schule in Bombay aufgesucht und sich auf der Sitar unterrichten lassen. Als Harrison die eigentümlich säuselnden Klänge des indischen Folklore-Instruments daraufhin in dem Song "Norwegian Wood" verwendete, war das der Beginn einer kurzen und heftigen Liaison mit der Popmusik.

Shankar, der heute vor 80 Jahren in Benares zur Welt kam, begegnete seiner Popularität stets mit Skepsis und äußerte sich zurückhaltend über den Einfluss der komplexen indischen Traditionen auf die westliche Popkultur. Er begann seine Karriere zunächst als Tänzer und Begleitmusiker im Ensemble seines nach Paris emigrierten Bruders Uday, bevor er Schüler Allauddin Khans wurde und sich sieben Jahre lang in klösterlicher Abgeschiedenheit dem Studium der Sitar widmete. Einen Namen machte sich der sanfte Mann durch Film- oder Balletmusiken sowie als Leiter des Vadya Vrinda, eines Orchesters, das sich mit der unterentwickelten indischen Klassik auseinandersetzte. Er wollte anderen den musikalischen Reichtum seiner Heimat vermitteln. So traf er 1952 mit dem Star-Violinisten Yehudi Menuhin zusammen, den er für die vielschichtigen Klangebenen indischer Ragas zu begeistern vermochte. Menuhin zählte Shankar - neben Enescu und Bartók - zeitlebens zu den drei besten Musikern ihrer Zeit. Schließlich gründete er 1962 seine Kinnari Music School.

Als Sitar-Spieler ist Shankar stets der Konvention verhaftet geblieben. Als Komponist jedoch bemüht er sich, kulturelle Grenzen zu überwinden, womit er, wie Harrison sagte, zum "Godfather of World Music" avanciert ist. Gegen das Missverständnis der westlichen Jugendkultur, die ihre religiösen Defizite über einen indischen Kulturexport zu beheben hofft, verwahrt sich Shankar nachdrücklich. Seit er 1971 mit Harrison das erste große Wohltätigkeits-Festival für die Hunger leidende Bevölkerung Bangladeshs initiierte, wendet er sich den Wurzeln seiner musikalischen Tradition zu, die er als ihr bedeutendster Vertreter modernisiert und bewahrt.

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