Kultur : Gustav Mahler: Bilder des Lebens

Uwe Friedrich

Als gewissenhafter Restaurator nähert sich der russische Dirigent Rudolf Barschai dem Fragment von Gustav Mahlers 10. Symphonie. Die Bruchstellen zwischen Mahlers Entwürfen und seinen Ergänzungen bleiben deutlich hörbar, und gerade deshalb ergibt sich ein faszinierendes neues Werk. Mahlers Skizzen sind schwer zu lesen und noch schwerer zu interpretieren. Immer wieder änderte Mahler seine Entwürfe, eine Spielfassung der zehnten Symphonie kann nur eine Annäherung sein. Anders als Deryck Cooke glättet Rudolf Barschai den kühnen Entwurf Mahlers nicht. Krasse Dissonanzen bleiben ebenso erhalten wie verblüffende harmonische Wendungen. Mahlers Nähe zur Zwölftontechnik wird ebenso deutlich wie der Aufbruchswille zu neuen Klangwelten. Besonders die Schlagwerk-Passagen erinnern in Barschais Rekonstruktion immer wieder an Schostakowitschs Symphonien. Das tut dem Werk außerordentlich gut, zeigt es doch ästhetische Verbindungslinien in die Zukunft, während die von Barschai in den Skizzen entdeckten Schubert-Zitate die Wurzeln in die Vergangenheit bilden.

Zwischen überwältigenden Klangexplosionen und innigem Nachhall bietet die riesig besetzte Junge Deutsche Philharmonie filigran austarierte Klangfarben. Besonders die Soli der Konzertmeisterin bilden bei der Aufführung im Konzerthaus Kontraste zu den Blöcken symphonischen Auftrumpfens. Weil Barschai sich mit klaren Zeichen sowohl im Notentext als auch als Dirigent nie in den Vordergrund drängt, gelingt eine begeisternde Version von Mahlers schwierigster Komposition.

0 Kommentare

Neuester Kommentar