Kultur : Gut deutsch

Furtwängler und die Folgen: eine Diskussion

Uwe Friedrich

Wo Wilhelm Furtwängler einst in der Alten Philharmonie dirigierte, stehen heute die Müllcontainer eines Studentenwohnheims. Über die politischen Zusammenhänge dieser Veränderungen im Berliner Stadtbild wollte seine heute fast 95-jährige Witwe Elisabeth nicht reden. In einer Podiumsdiskussion des Bayerischen Rundfunks in der Bayerischen Landesvertretung sprachen sie, der Generalmusikdirektor der Münchner Philharmoniker, Christian Thielemann, und die in London lebende Geigerin Carolin Widmann dafür über „Heimat/Das Deutsche“. Thielemann beklagte, dass die Diskussionen um Furtwänglers Verhalten im „Dritten Reich“ von seinen musikalischen Qualitäten ablenken. Während Furtwängler-Aufnahmen in New York ganze Regale in den Geschäften füllen, seien diese hierzulande kaum zu kaufen. Die Aufführung von Beethovens Neunter 1942 sei jedenfalls eine Sternstunde in schwerer Zeit gewesen. Auch Carolin Widmann betonte, dass für sie politische Kriterien bei der Beurteilung künstlerischer Qualitäten uninteressant seien.

Während Münchens Kulturreferentin Lydia Hartl als Moderatorin nicht eingriff, versuchte Tagesspiegel-Redakteurin Christine Lemke-Matwey, die Zügel in die Hand zu nehmen. Spätestens als Thielemann darauf beharrte, weitere Differenzierung führe nur dazu, die große Linie aus dem Auge zu verlieren, und dann bekäme man schlechte Laune, war ein Stammtischniveau erreicht, das in dem Aufruf gipfelte, man möge endlich das ewige Kritisieren lassen und das Positive beachten. Als Carolin Widmann die „so genannte Neue Amerikanische Musik“ als oberflächlich-kitschig schmähte, bekam die Diskussion einen weiteren reaktionären Dreh. Beuys, so Widmann, stehe ihr näher als Warhol und Wolfgang Rihms Kompositionen näher als die von André Previn. Als hätte es in Amerika nicht auch Cage oder Feldman gegeben, und als würde nicht auch in Deutschland Kitsch komponiert. Widmann denkt übrigens darüber nach, ob sie beim Zustandekommen einer Großen Koalition ihren deutschen Pass zurückgeben soll, zu kulturlos erscheint ihr die Perspektive. Da wird sie sich beeilen müssen.

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