Kultur : Gut gebraut, Löwe!

WOLFGANG KRALICEK

Da bin ich.Doch wo bist du?" So fängt das neue Stück von Herbert Achternbusch an, und das Wesentliche ist damit im Grunde schon gesagt.Einer ist allein, weil ein anderer ihn verlassen hat.König Tukulti ist von seinem Gott Ztsrupsi im Stich gelassen worden.Ein Stuhl ist frei, auf dem anderen sitzt Tukulti."Ich bin der Herr des Schweigens", sagt er und stimmt einen großen, traurigen, wunderschönen Klagegesang an."Ich bin die Schlange, die man auseinandergeschlagen hat.Ich bin der Teil der Schlange, die man auseinandergeschlagen hat, der lebt.Ich bin Tukulti.Ich bin der Teil, der lebt.Ich bin der Teil, der sterben wird." Danach erklärt sich Tukulti selbst zum Gott, führt Krieg in allen Himmelsrichtungen, ehelicht die Tochter des Pharaonen und wird schließlich von einem gegnerischen Krieger, der den exotischen Namen Franz trägt und über sagenhafte Kräfte verfügt, zu Tode gebissen.

Herbert Achternbusch schreibt, weil er seine Wut und seinen Schmerz anders nicht ertragen könnte."Tukulti" (geschrieben 1996) fällt wie sein letztes Stück "Meine Grabinschrift" und sein letztes Buch "Der letzte Schliff" in eine Phase tiefer Depression, in die Achternbuch stürzte, nachdem ihn seine Frau - Mutter seiner jüngsten Tochter - verlassen hatte.Der alte Ägypter Amenhotep, der in "Meine Grabinschrift" sein Testament diktierte, war Achternbusch.Und natürlich ist auch Tukulti, der einsame König von Assur, ein Alter ego dieses monomanischen Autors, der in München residiert und sich sein Königreich erschreibt.

"Tukulti" spielt in grauer Vorzeit und in Achternbuschland, Hans Gratzers Inszenierung auf den Trümmern der eigenen Vergangenheit.Unter der den ganzen nackten Raum umlaufenden Zuschauergalerie sind Kostüme, Requisiten und Schrott aus 20 Jahren Schauspielhaus (das Theater wurde 1978 eröffnet) verstaut; auf alten Fernsehern laufen Videos von alten Schauspielhausinszenierungen, aus Lautsprechern kommt Musik aus abgespielten Produktionen.An einem Ende der Arena stehen im kalten Arbeitslicht zwei Stühle aus dem Fundus.Einer ist leer.Auf dem anderen sitzt Gernot Kranner, der Darsteller des Tukulti.Für den großen Monolog, mit dem das Stück beginnt, findet er auf Anhieb den richtigen Ton: künstlich, aber doch bayerisch; selbstmitleidig, aber doch selbstbewußt.

Daß die Inszenierung damit schon ihr Pulver verschossen hätte, läßt sich nur deshalb nicht behaupten, weil Gratzer erst nach dem Monolog zu schießen beginnt: sobald die anderen Figuren auftreten, wird Regie gemacht, und zwar gründlich.Irgendwie muß sich im Schauspielhaus herumgesprochen haben, daß Achternbusch erstens Bayer und zweitens ein komischer Kauz ist - weshalb die Figuren alle Lederhosen oder Dirndl tragen, Schuhplattler tanzen, Bier aus Maßkrügen trinken und Bayern-Fahnen schwenken.Das alles ist so laut und so witzlos, daß es nur falsch sein kann.Gratzer hat sich in der Achternbuschwelt nicht zurechtgefunden und ist in die Theaterwelt geflüchtet, in eine Abteilung, die für diesen Text eine Sackgasse ist: die Schmierenkomödie.

Früher einmal hat Tukulti mit bloßen Händen Löwen erlegt; im Schauspielhaus vernichtet er gerade noch die eine oder andere Halbe Löwenbräu (die Münchner Brauerei konnte als Sponsor gewonnen werden).Bei Achternbusch ist Tukulti am Ende tot, bei Gratzer war alles nur ein Traum - nach zwei Stunden ist der König endlich wieder ganz allein auf der Bühne."Tukulti" ist das erste Achternbusch-Drama seit langem, das nicht an seinem Stammhaus in München uraufgeführt wurde.Das gibt zu denken.Ist etwas faul an diesem Text? Wenn, dann wollte man es so genau eigentlich nicht wissen.

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