Kultur : Gut gemeint

PETER SÜHRING

Gibt es heute irgendwo ein geeignetes Forum, um Hanns Eislers Kantaten von 1937 aufzuführen? Vielleicht in Verbindung mit Bach-Kantaten im Kammermusiksaal der Philharmonie? Glaubte man den Verlautbarungen des Scharoun-Ensembles, so wäre Eisler mit dem Konzert vom Dienstag endlich im Konzertsaal angekommen.Wie überheblich oder untertrieben man das nun finden mag, die passende Gegenfrage, ob der Konzertsaal endlich bei Eislers Stil angekommen sei, provoziert es allemal."Noch nicht so richtig", möchte man nach dieser jüngsten Erfahrung sagen.Jeder Versuch, den gescheiterten Fortschrittskomponisten - auf ihn rückblickend - beerben, heimholen oder gar veredeln zu wollen, muß scheitern.

Dabei hätte die Konfrontation von Bachs Kantaten mit den sie überbietenden Eisler-Kantaten neues Licht auf beide Vertreter angewandter Musik werfen können.Die geniale Agitationsmusik beider, deren gewollte Funktionalität erlahmt, weil Kirche und Arbeiterbewegung niedergehen, will der Konzertsaal nicht recht beherbergen - bedarf christliche (bei Bachs Textauswahl eminent sozialkritische) wie sozialistische Botschaft doch der tätigen Gemeinde.

Wollte man Johann Sebastian Bachs und Hanns Eislers Gebrauchsmusik rein historisch hören, müßten sich die Musiker noch mehr ihrer angewöhnten klassisch-romantischen Manieren enthalten.Diese waren bei der Sopranistin Maria Husmann und dem Bariton Ralf Lukas allerdings von feinster Sorte.Das Scharoun-Ensemble pendelt barocken Affekt und moderne Ernüchterung auf eine ungefährliche Mitte ein.Vibrato und Tremolo sind immer noch nicht verpönt genug.Selbst, wenn man Bach euphorisch spielen dürfte - euphemistisch nie.Eisler nicht mal euphorisch, denn angesiedelt zwischen Kampf und Trauer verlangt er das Ende interpretatorischer Beschönigung.

Mit Anstand zu trauern war den Interpreten aufgegeben, und zwar über die verregneten Perspektiven während Exil und Krieg bei konsequent zwölftönig komponierten instrumentalen Beschreibungen des Regens und gesungenen Texten nach Ignazio Silone.Schier unerfüllbar, wie man hörte.Oder wie eins der klugen Kinder, für die Eisler ja auch seine Zwölftonmusik komponiert hat, sagen würde: gut gemeint ist nicht gut! Nicht gut genug für Eisler.

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