Kultur : Gut geschlitzt

Spitzenpreise bei Lempertz’ Moderne-Auktionen

Michaela Nolte

Auf einer seiner geliebten Radtouren ins Weimarer Umland stieß Lyonel Feininger 1906 auf das Dorf Gelmeroda. Hier entdeckte er eine gotische Kirche mit schlankem Turm nebst hoher Tanne, die zu einem Leitmotiv seines Kunstschaffens zwischen strenger Raumauffassung und romantischer Vision wurde. In zahlreichen Varianten und Techniken hat Feininger das Motiv bis ein Jahr vor seinem Tod 1956 immer wieder aufgegriffen. Eines der zehn erhaltenen „Gelmeroda“-Gemälde war nun Glanzpunkt der Moderne-Auktion im Kölner Kunsthaus Lempertz. „Gelmeroda XI“, 1928 während Feiningers Zeit am Bauhaus entstanden, gehörte zu den letzten drei Exemplaren, die sich noch in Privatbesitz befinden. Bis zum vergangenen Wochenende. Denn ein Händler gewährte im Auftrag einer nicht genannten Institution 1,7 Millionen Euro (inklusive Aufgeld) und damit den höchsten Preis des diesjährigen deutschen Auktions-Herbstes.

Es blieb nicht der einzige Spitzenpreis, was vor allem an der großen internationalen Beteiligung lag: Für Alexej von Jawlenskys „Sonnenuntergang am Meer“ zahlte ein russischer Sammler 500 000 Euro – mehr als das Doppelte des Schätzpreises. Für die größte Überraschung sorgte allerdings Franz Wilhelm Seiwert. Der Kölner Maler aus dem Umfeld der Rheinischen Progressiven überzeugte mit einer „Demonstration“ aus dem Jahr 1925, die abstrahierende Form- und Farbklänge subtil mit politischen Inhalten vereint. Auf 60 000 Euro war das Gemälde im Vorfeld geschätzt worden. In einem hartnäckigen Bietgefecht behielt schließlich ein süddeutscher Händler die Oberhand, der für die Komposition 335 000 Euro zahlte, und Seiwert einen neuen Rekordpreis bescherte.

Großen Zuspruch für einen weiteren Bauhaus-Meister gab es bereits am Tag zuvor bei der zeitgenössischen Kunst. Ein englischer Händler verteidigte Josef Albers „Lighting up“ von 1957 gegen zwei Dutzend Konkurrenten und hob das Kleinformat aus der Serie „Study to Hommage to the Square“ von 30 000 auf 244 000 Euro. Die Spitzenposition unter den Zeitgenossen hielt Lucio Fontanas „Concetto Spaziale Attese“: Die Leinwand mit den typischen Einschnitten aber in einem seltenen, leuchtenden Rot wechselte für 512 000 Euro von einer deutschen in eine italienische Privatsammlung. Daneben trugen Künstler wie Günther Uecker, für den mit 159 000 Euro ein neuer Rekord eingespielt wurde, aber auch Jungstars wie Thomas Scheibitz zu einem der erfolgreichsten Zeitgenossen-Ergebnisse im Hause Lempertz und in Deutschland überhaupt bei. Rund 40 Prozent fallen mittlerweile auf die Gegenwartskunst, bei einem Gesamtumsatz von 12,5 Millionen Euro für beide Auktionen.

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