Kultur : Gut Holz

Die 8. Ars Nobilis zelebriert das feine Mobiliar

Michael Zajonz

Es ist das Jahr der Möbel. Am 12. Februar 1807 starb David Roentgen, der bedeutendste deutsche... ja, was eigentlich? Als Tischler geht der Holzkünstler aus Neuwied, der anders als sein Vater Abraham kaum noch selbst den Hobel in die Hand nahm, nicht mehr durch. Designer und Unternehmer sind treffendere Begriffe, selbst wenn sie für das 18. Jahrhundert deplatziert klingen. Noch bis Sonntag läuft die Roentgen-Ausstellung des Berliner Kunstgewerbemuseums.

Die Ars Nobilis hat sich in ihrer achten Ausgabe also völlig zu Recht dem Phänomen Roentgen verschrieben – auch wenn dort ebenso Gemälde, Glas, Silber, Porzellan, Teppiche, Öfen und vieles mehr zu bestaunen und zu erwerben ist. Doch die 14 gezeigten Möbel aus der Roentgen-Manufaktur – Vater und Sohn – verhelfen der führenden Berliner Antiquitätenmesse bis zum 18. November zu einem Luxusmöbelangebot, wie es die Stadt noch nie gesehen hat.

Der Platzhirsch der Ars Nobilis, die Bremer Galerie Neuse, hat die meisten Roentgen-Möbel im Gepäck. Dort findet sich auch das herausragende Möbel der Messe, ein um 1780 entstandener Sekretär („Bureau Cylindre“), der zuvor in Leeds Castle stand (2,2 Millionen Euro). Profund nicht nur wegen seiner floralen Marketerien in Ahorn und Rosenholz, sondern auch durch seine fantastischen Altersflecken. Patina, diese unkalkulierbaren Verwitterungsspuren der Geschichte, scheint endlich auch ein Thema des deutschen Kunsthandels zu werden. Der englische Landadel, woher das gute Stück stammt, sieht die Altersfrage seit jeher gelassener: Warum Geld für eine aufwendige Überarbeitung ausgeben, wenn Möbel in ihrem unrestaurierten Zustand so viel mehr über ihre Geschichte erzählen?

Schräg gegenüber hat Röbbig, Münchens Spezialist für Kunst des 18. Jahrhunderts, ein ähnlich perfekt gealtertes Roentgen-Möbel zu bieten. Der um 1776 entstandene Verwandlungsspieltisch (445 000 Euro) stammt von derselben Lady Baillie wie Neuses Schreibtisch. Vergleichbar höfische Stücke erhielten sich auf Schloss Wörlitz, in Paris und Wien.

Auch Otto von Mitzlaff aus Wächtersbach, ein Grandseigneur der deutschen Möbelszene, hat Roentgen-Möbel parat. Sein rares „Bureau plat“ in Mahagoni aus der klassizistischen Spätphase der Manufaktur kostet 280 000 Euro – historische Kratzer inklusive. Der erfahrene Händler bedauert aufrichtig den Geschmack vieler deutscher (und französischer) Kunden, bei denen noch immer „das klinisch Saubere vorherrscht“. Wirksam sei da oft nur die Drohung: „Wenn Sie das nochmals restaurieren lassen, ist es danach nur noch die Hälfte wert.“

Auch Thomas Schmitz-Avila aus Bad Breisig stellt seine nur sparsam restaurierten Möbel heraus: Dazu gehören zwei kurz nach 1800 in Berlin entstandene Etageren in wunderschön verblasstem Mahagoni-Furnier (jeweils um 40 000 Euro). Otto von Mitzlaff hält ein Möbel in ähnlichem Erhaltungszustand vor: eine norddeutsche Biedermeier-Kommode mit volutenartig eingerollter Deckplatte. Das edel in die Jahre gekommene Stück kostet 14 800 Euro – nicht wenig für ein schlichtes, gutbürgerliches Möbelstück. Erst wenn man vergleicht, was leichtfertigere Kollegen für überrestaurierte Möbel verlangen, erscheint das Geld gut angelegt.Michael Zajonz

Ars Nobilis, Automobilforum Unter den Linden 21, bis 18. November, Mo.–Fr. 11–20 Uhr, Sa./So. 10–18 Uhr.

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