Kultur : Gut und Börse

Das Berliner Ensemble feiert Brecht – mit Inszenierungen aus Nizza und Barcelona

Christoph Funke

Er kommt nicht davon, der große BB – mit seiner widerspruchsvollen Dichtung nicht, mit seiner Sinnlichkeit nicht, mit seinen Irrtümern schon gar nicht. Das nahezu unüberschaubare Programm zum 50. Todestag des Dichters führt auch Skeptikern vor, wie lebendig Brecht ist, dass er in unsere Zeit gehört, mit Fragen, mit Vorschlägen, mit Anregungen, die Verhärtungen lösen, Veränderungen ermöglichen wollen. Wie man sich diesen Herausforderungen in der ganzen Welt stellt – in Nizza und Barcelona, in Tokio, Florenz und Zagreb – ist noch bis zum 3. September im Berliner Ensemble im Rahmen des „Brecht-Fests“ zu erleben.

Gezeigt wurde dort in dieser Woche etwa eine aus dem Gegensatz von großer Ruhe und hellem Zorn lebende Aufführung der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“ des Teatre Lliure aus Barcelona. Brechts Versuch, Aufklärung zu bieten über die Gesetze des Marktes, wird hier wie nebenbei serviert, in gemessener Sachlichkeit – und dann explodiert das Geschehen in wütenden Liedern, anklagenden Film- und Bildsequenzen.

Regisseur Àlex Rigola holt alles auf die Bühne, was Theater hergeben kann – Pantomime, Tanz, Video, Musik. Brechts Stück, 1929 begonnen, aber erst 1958 unter Gustaf Gründgens uraufgeführt, zeigt seine Sprengkraft, seine Hitze, seine Aktualität, auch wenn die Goethe und Schiller genussvoll parodierenden Verse nur noch wie beiläufig zitiert werden. Brecht ging Vorgänge der kapitalistischen Wirtschaft mit wissenschaftlichem Ehrgeiz an und band das Ökonomische an die naive Gut- und Gottgläubigkeit des Heilsarmeemädchens Johanna. Dass kein Aufruf zu Gerechtigkeit hilft, wenn es um Profit geht, sondern nur der Umsturz der Verhältnisse, war die wenige Jahre vor der Machtübernahme der Nazis in Deutschland verkündete Botschaft. Zu einfach?

Die Aufführung des Teatre Lliure , in katalanischer Sprache, stellt genau das leidenschaftlich in Abrede. Anna Ycobalzeta zeigt eine zurückhaltende, wissbegierige, beobachtende Johanna. Und Pere Arquillué als Fleischkönig Mauler behauptet weltmännische Abgeklärtheit und Sachlichkeit – als ob man friedfertig miteinander über alles verhandeln könnte. Dass solche Friedfertigkeit – ob auf den Schlachthöfen und der Viehbörse von Chicago oder anderswo – böse, gefährlich, brutal ist, machen Filme und Bilddokumente deutlich: von Demonstrationen und Polizeiwillkür, von Armut und Elend überall in der Welt. Johanna mit ihrem naiven Eintreten für die Betrogenen wird von der Welle dieser brutalen Wirklichkeiten überspült. Am Ende sitzt sie starr auf einem Stuhl, mit einem lächerlichen Fähnchen in der Hand – und der Kampf zwischen Arm und Reich geht weiter.

Bewusst plakativ greift Rigola die Weltkonzerne an, und Brechts Beweisführungen, oft als abgestanden und langweilig missverstanden, bekommen Impulsivität und Glanz. Souverän und rücksichtslos mit dem überreichen Text umgehend, bringt der Regisseur auf den Punkt, was über Börsenhandel und Manipulation, über das Auf und Ab von Gewinn, Verlust, Zusammenbruch gesagt werden muss. Die handelnden Individuen auf beiden Seiten der Barrikade sind ihm dabei weniger wichtig, er entwirft Gruppenporträts der geldgierigen Unternehmer (eingesperrt in einen gläsernen Kasten) und der von ihnen Unterdrückten. Das Bühnengeschehen mündet in agitatorische Aggressivität, um heutiges Weltgeschehen erregend anschaulich zu machen. Die „alte“ Geschichte aus der Vorkriegszeit kippt rücksichtslos vor unsere Füße. Im Berliner Ensemble gab es dafür begeisterten Beifall.

Blickt man in Barcelona auf die Abgründe des Ökonomischen, so analysierte eine am vergangenen Wochenende gezeigte Aufführung des Théâtre National de Nice die Verwerfungen der Politik: „Gurs – une tragédie européenne“ heißt Jorge Semprúns Stück, das an die Existenz von Konzentrationslagern auf französischem Boden erinnert. Das südfranzösische Lager Gurs wurde 1939 gebaut, zur Internierung internationaler Brigadekämpfer nach der Niederlage der spanischen Republik. Wenig später landeten dort Antifaschisten und Juden aus ganz Europa. Semprún nutzt den Ort zum Nachdenken über den Verrat kommunistischer Ideale und über die Möglichkeiten der Kunst in auswegloser Situation. Hier kommt Brecht ins Spiel: mit seinem Stück „Die Maßnahme“. Auch Ernst Busch tritt auf, der in Gurs inhaftiert war. Gespieltes Konzentrationslager? Alles andere als das. Die Schauspieler im Stück wechseln Rollen, Identität und Zeit. Sie treten auf als Häftlinge, sind dann Schauspieler, die später Brechts „Maßnahme“ einstudieren wollen, mit dem Wissen um die Lebensverhältnisse im Lager.

Dieser Zeitsprung ermöglicht die Verständigung über eine lange zurückliegende Zeit – und den Streit über Brecht. Die Akteure behaupten in der heftigen Debatte ihre sprachliche Identität (gesprochen wird Spanisch, Französisch, Deutsch), sie ziehen in Zweifel, was unverrückbar scheint, greifen an, auch Brechts Ausweichen in den frühen Zeiten des BE, spüren dem Leben des großen Vorbilds Ernst Busch nach. Die Verzahnung der Zeiten, der Wirklichkeiten, der Biografien hat einen besonderen Reiz. Im Lessing’schen Sinne wird die Suche nach Wahrheit, nicht ihr Finden zur Aufgabe.

Zum Schluss drängt sich, etwas unvermittelt, jüdisches Schicksal in den Vordergrund – die Gruppe der Spieler befindet sich wieder in Gurs. Das Théatre National de Nice zeigte unter der Regie von Daniel Benoin auf der Probebühne eine beeindruckend schlichte Aufführung, sinnlich einprägsam gerade durch ihren schnörkellosen, grundehrlich dokumentarischen Charakter. Er lässt uns nicht los, der große BB.

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