Kultur : Gute Dedee, böses Kind

FRANK NOACK

Es beginnt mit einer Warnung: Der jetzt folgende Film wird von seiner Hauptfigur kommentiert, und wer so etwas nicht mag, der solle gleich gehen. Außerdem handle es sich bei der Hauptfigur um ein böses Mädchen, von dem das Publikum keine Läuterung zu erwarten habe. Die Warnung ist überflüssig, denn wer beklagt sich schon über einen Erzählerkommentar, wenn er so pointenreich daherkommt wie hier, und wer möchte schon ein böses Mädchen geläutert sehen, wenn es von der herrlichen Christina Ricci gespielt wird? Das Vergnügen wäre noch größer bei einer richtig bösen Heldin. Deren schlechter Charakter ist nur Fassade und "The Opposite of Sex" trotz seiner Seitenhiebe gegen Konservative und die religiöse Rechte ein sauberer, harmoniesüchtiger Film.Die frühreife Deedee (Ricci) befindet sich mal wieder auf der Flucht vor dem Gesetz und sucht ihren schwulen Halbbruder Bill (Martin Donovan) auf, einen gutverdienenden Lehrer, der um seinen verstorbenen Freund trauert. Deedee bringt Bills geordnetes Leben völlig durcheinander. Sie spannt ihm seinen neuen Freund Matt (Ivan Sergei) aus, provoziert seine vornehme "Schwägerin" Lucia (Lisa Kudrow), die Schwester des Toten, und brennt schließlich mit Matt und 10.000 Dollar aus Bills Safe durch. Wo sie hinkommt, scheint Deedee nur Chaos anzurichten. Sie spielt ihre Mitmenschen gegeneinander aus und befördert einen Liebhaber ins Jenseits. Als Bill von einem Schüler des sexuellen Mißbrauchs bezichtigt und vom Dienst suspendiert wird, geht das nicht auf eine Intrige von Deedee zurück, und doch hat man das Gefühl, sie hätte alles ausgelöst.Am Ende zeigt sich, daß das Chaos nur dazu da war, um für Ordnung zu sorgen. Die von Deedee ausgelösten Extremsituationen haben die einzelnen Personen auf die Probe gestellt. Jeder Schock, den Bill, Matt und Lucia erleben, erweist sich als heilsam. Deedee ist nicht schlecht, sondern nur von einer taktlosen, schonungslosen Direktheit. Wenn Matt sich so leicht verführen läßt, dann kann seine Beziehung zu Bill nicht ernsthaft gewesen sein, und wenn 10 000 Dollar so leicht verfügbar sind, dann greift man eben zu.Don Roos hat ein dermaßen ideenreiches und cleveres Drehbuch verfaßt, daß er es sich erlauben kann, als Regisseur nicht mehr als solide Arbeit zu leisten. Gegen sprechende Köpfe - das Hauptmerkmal der deutschen Beziehungskomödie - ist nichts einzuwenden, solange witzige Dialoge von erstklassigen Darstellern aufgesagt werden. Die bei den Dreharbeiten erst 17jährige Christina Ricci ist so gut, wie man es von ihr erwarten konnte; eine wesentlich schwierigere Aufgabe meistert Martin Donovan, der einen etwas blassen, langweiligen Mann zeichnet, ohne auf das Publikum blaß und langweilig zu wirken. Köstlich auch, wie Lisa Kudrow das Aufblühen der verklemmten, versnobten Lucia vermittelt. Don Roos ist eine anspruchsvolle Boulevardkomödie gelungen. Ihr eine sexuelle Botschaft zu unterstellen, wäre allerdings übertrieben. Auch wenn der schwule Lehrer Bill die anständigste und ein schwulen- und frauenhassender Freund von Deedee die unsympathischste Figur ist - den Titel "The Opposite of Sex" darf man wörtlich nehmen. Deedee, Bill, Matt und Lucia suchen Geborgenheit, keinen Sex. Da kann auch der konservativste Zuschauer ein Auge zudrücken.

Astor, Broadway, Cinemaxx Potsdamer Platz, FT am Friedrichshain, Odeon (OmU), Scala, Yorck

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