Kultur : Gute Deutsche, böse Deutsche

Die Route des NPD-Zuges wurde zuletzt abgeändert, aber geheimgehalten; sie wird sich vermutlich irgendwo zwischen Brandenburger Tor und Alexanderplatz bewegen.Daß die Ordnungshüter eine Straßenschlacht verhindern, daß Politiker Berlins Markenzeichen ungern als Medienkulisse einer Extremisten-Inszenierung sehen möchten, ist nachvollziehbar.Aber kann man die Mitte dieser Stadt durchqueren, ohne dabei geschichtsträchtigesTerrain zu betreten? Vielleicht marschieren die Nationaldemokraten an der Neuen Wache "für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft" vorbei, vielleicht am Denkmal für die Bücherverbrennung auf dem Bebelplatz.Dem hochumzäunten Mahnmalplatz könnten sie sich indes ohne Risiko für das Ansehen des Staates nähern, der ist ja leer - und gleichwohl in den Augen radikaler Moralisten bereits mit polarisierender Brisanz aufgeladen.

Ein solcher Moralist ist jener Horst Hoheisel, der am 8.Mai in der FAZ eine Anzeige der fiktiven Immobilienfirma "Deutsche Boden" aufgegeben hat: 30 Firmen forderten daraufhin - ohne zu ahnen, daß sie an einem Kunstprojekt teilnehmen - ein Exposé über das annoncierte Grundstück an - das Mahnmalgelände am Tor.Denn der Künstler Hoheisel lehnt Denkmale abseits der authentischen Topographien ab.Er selbst hat im Jahre 1987 auf dem Rathausvorplatz seiner Stadt Kassel ein eigenartiges Denkmal realisiert: Den dort 1908 von einem jüdischen Stifter gebauten Aschrottbrunnen, welcher 1939 abgetragen worden war, konstruierte er als von oben einsehbare, begehbare Negativform umgekehrt in die Erde hinein.Das Modell dieser Gestalt gewordenen Reflexion über "Vernichtung" und "Abwesenheit" wurde im März 1998 von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem angekauft - eine besondere Auszeichnung.Um so mehr empörte sich der Erinnerungsarbeiter, als vor drei Wochen Kasseler Behörden rechtsradikalen Demonstranten gegen die in der Stadt gastierende Wehrmachts-Ausstellung den Rathausplatz zuwiesen (siehe das Bild unten).Über der deutschen Rechten gehe die Sonne auf, riefen die Redner eingedenk der Wahlen in Sachsen-Anhalt; die Ausstellung nannten sie "einen Vernichtungsfeldzug gegen das deutsche Volk".Das Bild von den Stiefelmännern mit der Reichskriegsflagge in unmittelbarer Nachbarschaft des sichtbar-unsichtbaren "Judenbrunnens" mag Beklemmung auslösen.Aber was wäre die ordnungspolitische Alternative dazu: etwa die Einrichtung einer sakralisierenden Bannmeile rund um alle Orte der Erinnerung?

Was den favorisierten Entwurf für das Berliner Holocaust-Mahnmal betrifft, hat sich jedenfalls sein Architekt Peter Eisenman gegen jene Skeptiker gewandt, die dieses Werk vor allen etwaigen Schändungen schützen wollen: Unprogrammierbare Reaktionen der Gesellschaft gehören seiner Ansicht nach zur andauernden Geschichte eines Monuments.Doch läßt sich überhaupt ein öffentlicher Raum wiedergewinnen, in dem nicht die zensierende Angst vor image-schädigenden TV-Bildern Regie führt? Wenn der Vernichtungskrieg und der Holocaust mehr waren als die Geheimaktionen weniger Nazi-Monster, nämlich das kollektive Werk vieler normaler Deutscher, dann müßten auch die Orte der Erinnerung mehr sein als abgeschirmte Besinnungshaine: zentrale, öffentliche Anstoßsteine - für gute, für böse Deutsche. tl

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