Kultur : Gute Deutsche, gute Hirten

Sichtung im Nebel: Welche Filme zeitlich – und auch sonst – gut zur nächsten Berlinale passen

Jan Schulz-Ojala

Alles wird gut. Anders als im vergangenen Jahr, als die Berlinale vor Weihnachten schon erste Filmtitel vermeldete, ist zwar diesmal auf dem Wunschzettel für die Festival-Ausgabe Nr. 57 (8. bis 18. Februar) noch allerhand durcheinandergekritzelt. Die Auswahlkomitees der verschiedenen Sektionen befinden sich heftig im Stress – zumal insgesamt wieder einmal mehr Filme eingereicht worden sind als im Jahr zuvor. Aber wenn man die glückliche Qual der Wahl hat?!

Gut – und ein bisschen klarer im derzeitigen Sichtungsnebel – wird alles auch, wenn man ein bisschen genauer auf die Starttermine kurz nach der Berlinale schaut. Oder auf jene mit Ungeduld erwarteten Projekte begabter Leute, die sich in diesen Wochen womöglich festivalfieberhaft der Fertigstellung nähern. Und was, wenn dann auch noch prompt zwei der Filme in diesem vagen Fokus das Wörtchen „gut“ im Titel tragen?

Steven Soderberghs „The Good German“ etwa (Kinostart 1. März) sollte durchaus die Berlinale schmücken – zumal die in der unmittelbaren Nachkriegszeit angesiedelte Geschichte in Berlin spielt. George Clooney, ausgewiesener Berlin-Fan übrigens, gibt einen amerikanischen Kriegskorrespondenten, der sein deutsches Liebchen (Cate Blanchett) wiedertrifft, doch mit einem merkwürdigen Todesfall beginnen die Komplikationen. Soderbergh hat für seinen SchwarzweißPolitthriller alte Kameraobjektive aus jener Zeit verwendet – und sogar seine Darsteller mussten agieren, als sei’s ein Stück mit Bogart & Co.

Die unruhige Mitte des vergangenen Jahrhunderts ist ein großes Thema neuer amerikanischer Filme – auch Robert De Niros zweiter Spielfilm nach „A Bronx Tale“ (1993) gehört dazu. In „The Good Shepherd“, der gestern in den US-Kinos startete und am 15. Februar bei uns ins Kino kommt, spielt Matt Damon einen jungen Idealisten, der beim CIA Karriere macht und dessen Moral dabei unordentlich unter die Räder kommt. In weiteren Rollen dieses Thrillers aus der Paranoia des Kalten Krieges sind neben dem Regisseur himself Angelina Jolie und John Turturro zu sehen.

Auch Clint Eastwoods „Letters from Iwo Jima“ könnte, thematisch und von seinem Starttermin her (22. Februar), durchaus zur Berlinale passen. Der Film funktioniert gewissermaßen als historisches Negativ zu Eastwoods „Flags of Our Fathers“, der ein paar Wochen vorher ins Kino kommt. Gleichzeitig gedreht, erzählt er aus der Spätphase der erbitterten pazifischen Schlacht zwischen Amerika und Japan, nur diesmal ganz aus Japan-Perspektive mit japanischen Schauspielern – ein Antikriegsfilm-Doppel der besonderen Art.

Eher in die Gegenwart und ins Private weist Richard Eyres „Notes on a Scandal“ (Start 22. 2.): Fernab der Bond-Welten führt Dame Juli Dench hier das Leben einer vereinsamten Lehrerin, die eine neue Kollegin (Cate Blanchett) erst umwirbt und dann, lebenseifersüchtig und selbstzerstörerisch, unter Druck setzt. Sollte die Berlinale sich für den Film erwärmen, könnte Blanchett, Protagonistin auch von „The Good German“, gleich einen Kurzurlaub in Berlin buchen.

Fragile Formen des Privatlebens erforschen auch die wichtigen deutschen Filmemacher in ihren neuen Szenarien. Christian Petzold lässt in „Yella“ eine junge Ostdeutsche im glatten Westen ein neues Zuhause suchen – Nina Hoss geht auf diese Reise, auf die sie, als ambivalent dynamischer Westmensch, Devid Striesow begleitet. Angela Schanelec erzählt in „Nachmittag“, in einem Setting, das von fern an „Sommer 04“ erinnern mag, Tschechows „Möwe“ neu: In drei heißen Tagen am See geraten Familienstrukturen in einen bösen Strudel. Und Thomas Arslan führt, mit Angela Winkler und Karoline Eichhorn in wichtigen Rollen, in „Ferien“ mehrere Generationen einer Familie in einem abgelegenen uckermärkischen Haus zusammen – Katastrophen nicht ausgeschlossen.

Und was ist mit Fatih Akins Beziehungsdrama „Auf der anderen Seite“ und Hans Weingartners Mediensatire „Free Rainer“? Auch an diesen Filmen wird noch fieberhaft gearbeitet. Ihr Berlinale-Auftritt ist so gewiss und ungewiss wie der aller Filme, die hier völlig ohne Gewähr genannt sind. Und wenn sie dann plötzlich auf dem Programm stehen? Dann gilt, wie immer, der Insiderwitz: „Wir laufen auf der Berlinale, weil wir für Cannes nicht fertig geworden sind.“

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