Kultur : Gute Geister

Kinder, Karriere & Kunst: die Kollektion von Moi Soltek

Nicola Kuhn

JUNGE SAMMLUNGEN IN BERLIN (4)

In Berlin gibt es zu wenig Sammler. Das hört und liest man seit Jahren immer wieder. Und weil man es irgendwann nicht mehr hören möchte, haben wir uns auf die Suche begeben. Nicht nach den großen, bereits bekannten Sammlernamen, nach abgeschlossenen, international bedeutenden Kollektionen, die es selbstverständlich auch in Berlin gibt, sondern nach Menschen, die leidenschaftlich gern mit Kunst leben und sich deshalb eine Sammlung aufbauen.

Am Anfang stand die klare Entscheidung, eine Sammlung zu gründen. Überraschend geerbte 20 000 Mark waren das Startkapital, das Moi Soltek als 25-Jährige in eine Polke- und eine Richter-Grafik anlegte. „Grundsolide“, fügt sie heute mit einem gewissen Schmunzeln hinzu. Drum herum rankt sich siebzehn Jahre später eine Kollektion, der man ebenfalls diese Eigenschaft attestieren könnte. Und doch zeichnet sie vor allem der persönliche Zugang, der individuelle Ansatz aus. Namen wie Rosemarie Trockel, Luc Tuymans, Fred Tomaselli, Sarah Lucas, Tracey Emin, Magnus von Plessen, Nicola Torke, Michel Francois sind hinzugekommen und fügen sich zu einer neuen Lebensgemeinschaft in der 240 Quadratmeter großen Loftwohnung in den Sophie-Gips-Höfen in Berlin-Mitte. Die Werke hängen im Flur, im Bad, über der Küchenzeile oder der Wickelkommode wie eben jene erst erworbenen Papierarbeiten von Sigmar Polke und Gerhard Richter. Kunst muss sich hier in den Alltag fügen. Und das heißt: Alltag mit Kindern – was geht, sogar sehr gut.

So haben die drei kniehohen Alu-Skulpturen von Thomas Schütte bisher noch jedes Fußballturnier des sechsjährigen Nikolaus, die Slalomfahrten der zweieinhalbjährigen Paula mit dem Bobbycar und auch die Besuche der einjährigen Greta überstanden. „Jedem Kind ist eine der Figuren schon einmal umgekippt. Das knallt so laut, dass es nicht noch einmal passiert“, erzählt Moi Soltek. Gerät ein Ball doch zu nah an die „Guten Geister“, so der Titel des Trios, dann heißt es in ihre Richtung: „Ihr dürft doch nicht mitspielen. Das haben wir euch doch schon mal gesagt.“ Sogar dem Künstler ist diese Nachbarschaft sympathisch. Bei einer Begegnung mit der Sammlerin fragte er gleich nach: „Sind Sie nicht diejenige mit den Kindern?“

Moi Soltek ist selbst wie selbstverständlich mit Kunst aufgewachsen, denn ihre Mutter machte regelmäßig Führungen in den Museen der Stadt Köln. Als Studentin für Kommunikationsdesign geriet sie mitten hinein in die brodelnde rheinische Galerienszene der Achtziger, wo sie auch erste Kontakte mit Künstlern knüpfte. Doch so wichtig ihr Gespräche und die dazugehörige Lektüre sind, sie richtet an das einzelne Werk doch die gleichen Fragen, denen sie sich auch selbst als Werbefrau zu stellen hat. „Ebenso wie in der Werbung Text und Bild zusammenspielen und sich gegenseitig erhöhen, müssen auch in der Kunst Technik und Abbildung einander ergänzen und die Idee vermitteln können“, erklärt sie. Und trotzdem ist für die langjährige Art-Direktorin bei Springer & Jacoby, Jung von Matt, Scholz & Friends und heutige Besitzerin einer eigenen Werbeagentur, die jüngst das Berliner Stadtmagazin „zitty“ neu gestaltet hat, das Bauchgefühl wichtig: „Ich muss einfach sagen können: Ja! Das stimmt!“

Das ist auch der Kompass für ihre Kollektion, ein klares Konzept sucht man vergebens. Der Schwerpunkt lag zwar bisher beim Figürlichen. Aber auch das könnte sich ändern, denn zunehmend beginnt sich die Sammlerin für Abstraktes zu interessieren. Ihren Kindern jedenfalls ist die Nähe zur zeitgenössischen Kunst geradezu in die Wiege gelegt. Und trotzdem gibt es keinen Zwang zur Kunst, denn das hat in schon so mancher Familie zu Aversionen geführt. Neben der Freude am Sammeln verspricht sich Moi Soltek von dieser Lebensgemeinschaft vor allem eines: dass ihre Kinder lernen, gerade nicht in Kategorien zu denken.

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