Kultur : Gute Nazis, böse Nazis

Aus Mördern werden Retter: Paul Verhoevens Widerstands-Thriller „Black Book“

Christian Schröder

Die Nazis waren nicht nur böse. Sie konnten auch Klavier spielen. Den Haag im Winter 1944/45: Die Deutschen halten die Stadt noch besetzt, ahnen aber bereits, dass sie den Krieg verloren haben. Also feiern sie wüste Weltuntergangsorgien. Bei einer SS-Party singt Rachel Stein, eine untergetauchte Jüdin, die sich dem Widerstand angeschlossen hat, „Ich bin die fesche Lola“, Marlene Dietrichs Gassenhauer aus „Der blaue Engel“. Der schlüpfrige Text passt zu der erotisch dampfenden Stimmung des Herrenmenschenabends: „Ich bin die fesche Lola, mich liebt ein jeder Mann / Doch an mein Pianola, da lass ich keinen ran.“ Die Sängerin wiegt sich frivol in den Hüften, sie flirtet mit den Männern in den Hakenkreuz-Uniformen. Am Piano begleitet wird sie von einem stiernackigen Sturmbannführer. Kurz zuvor hat er ihre Eltern mit einem Maschinengewehr niedergemäht.

Opfer und Täter kommen in Paul Verhoevens Film „Black Book“ einander so nahe, dass am Ende die Guten kaum noch von den Bösen zu unterscheiden sind. Niemandem ist zu trauen in diesem aus Versatzstücken von Agententhriller, Liebesmelodram und Film noir etwas roh zusammengezimmerten Plot. Helden entpuppen sich als Verräter, Mörder werden zu Rettern. Rachel (Carice van Houten) will überleben, vor allem aber will sie ihre Würde bewahren. Dafür ist sie zu allem bereit, sogar zur Prostitution. Um den Tod ihrer Familie zu rächen, begibt sie sich in die Höhle des Löwen, die deutsche Kommandantur, einen gruseligen Justizpalast, in dessen Büros die Besatzer mit fraternisierenden Sekretärinnen anbandeln, während im Keller Widerstandskämpfer gefoltert werden. Rachel nennt sich nun Ellis und blondiert – ein voyeuristischer Höhepunkt des an softpornografischen Szenen nicht armen Films – ihre Schamhaare, um nicht als brünette „Nichtarierin“ entlarvt zu werden.

Der SS-Chef Müntze (Sebastian Koch), mit dem sie im Bett seiner von deportierten Juden requirierten Villa landet, erkennt trotzdem ihre Identität. „Und, fühlen die sich jüdisch an?“, fragt sie und hält ihm ihre Brüste hin. Statt sie zu erschießen, schläft der Kommandant mit ihr. Und auf dem Nachttisch beginnen die Fotos der vertriebenen, wahrscheinlich längst ermordeten ehemaligen Hausbewohner zu vibrieren, weil alliierte Bomber am Himmel kreisen. Das ist purer Kitsch, aber trotzdem ein atemberaubender Moment: die utopische Vereinigung von Verfolger und Verfolgter, inszeniert mit dem ganzen Bombast des Überwältigungskinos.

Die Jüdin und der Nazi, ein Schöngeist mit Briefmarkensammlung, verlieben sich ineinander. Ihre Liebe ist völlig unmöglich, aber war das nicht auch schon bei Romeo und Julia so? Müntze, der gute Deutsche, wird sich schließlich opfern, um die Jüdin zu retten.

Der Holländer Verhoeven, der in Hollywood mit dem Schwarzenegger-Spektakel „Total Recall“ und dem Erotikthriller „Basic Instinct“ triumphierte und mit dem Stripteasefilm „Showgirls“ scheiterte, ist ein Meister des Deftigen. Vom Sex im Besatzerbett schneidet er direkt in den Folterkeller, wo der üble Sturmbannführer (Waldemar Kubus als klassische Nazikarikatur) einen Gefangenen im Waschbecken malträtiert. Für Psychologie interessiert sich Verhoeven nicht besonders, die Figuren fügen sich schablonenhaft in die laut Vorspann „nach wahren Begebenheiten“ erzählte, historisch aber höchst hanebüchene Suspensestory.

Sebastian Koch und Carice van Houten, seit den Dreharbeiten auch im wirklichen Leben ein Paar, geben ihr Bestes, aber gegen die Dürftigkeit ihrer Rollen kommen sie nicht an. Rachel verliert bei einem Bombenangriff die Bauernfamilie, bei der sie Unterschlupf gefunden hatte, serviert aber ein paar Stunden später bestens gelaunt einem Verehrer ein Mehrgängemenü. Müntze, der Gutmensch in der Truppe unter der „Doppelrune“ (Günter Grass), dampft in einem Nahverkehrszug in ihr Leben, von seinem Vorleben erfährt man wenig. Er war „im Osten“ stationiert und gibt sich als Humanist zu verstehen, indem er darauf hinweist, dort die einheimischen Briefmarken gesammelt zu haben. Dass er als hoher SS-Offizier am Genozid beteiligt gewesen sein muss: egal. Als Historienfilm ist „Black Book“, für den Verhoeven nach 20 Jahren Amerika nach Holland zurückkehrte, ein Witz.

In neun Berliner Kinos

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