Kultur : Guten Abend, Morgenland

Kerstin Decker

Fundamentalismus ist, wenn die gestrige Wahrheit der Theologie zur absoluten Wahrheit der Religion erklärt wird, sagt der Orientkenner. Er zitiert den Theologen Paul Tillich. Fundamentalismus ist, wenn man sich auf seine Quellen zurückbesinnt. Religion ist Rückwendung zu den Quellen. Darum sind Theologen meist froh, Fundamentalisten zu sein, überlegt der muslimische Arzt. Wer sich nach Fundamenten umschaut, ist nicht a priori Fanatiker.

Fundamentalismus ist das Monopol am einzigen Weg zur Wahrheit. Ein Reinheitswahn. Der letzte Fundamentalismus war der Kommunismus, sagt der Ex-Bundesminister. Der Vertreter des jüdischen Standpunkts gibt auf Nachfrage des Moderators zu, dass auch in Israel Fundamentalisten existieren und fügt an: "Sie können das sagen, aber dann werfen Sie einem demokratischen Staat Fundamentalismus vor!"

Zum Thema Online Spezial: Terror und die Folgen
Themenschwerpunkte: Krieg - Afghanistan - Bin Laden - Islam - Fahndung - Bio-Terrorismus
Fotostrecke: Der Krieg in Afghanistan Der schwäbische evangelische Theologe schaut den Vertreter des jüdischen Standpunktes nachdenklich an und findet den Begriff Fundamentalismus ohnehin verfehlt. Weil er nicht die positive Bedeutung der Suche nach den "Fundamenten" mitdenken lässt. Darum schlage er den Begriff "Extremismus" vor, der wiederum scharf von "Terrorismus" zu trennen sei. Der Ex-Bundesminister macht Notizen, der Vertreter des jüdischen Standpunkts nickt.

Der Vertreter des jüdischen Standpunkts ist Julius H. Schoeps, der Ex-Bundesminister ist Egon Bahr, der muslimische Arzt heißt Nadeem A. Elyas und kommt vom Zentralrat der Muslime in Deutschland. Martin Bauschke, der schwäbische Theologe, denkt längst schon über ein Weltethos nach und der Tillich- und Orient-Kenner ist Johannes Reissner. Eingeladen hat die Akademie der Künste. Adolf Muschg, der Dichter, moderiert. Er hatte soeben den Islam zum eigentlichen Urheber des Abendlandes erklärt. Aristoteles? Seine Überlieferung undenkbar ohne die frühere arabische Toleranz. Diese christlichen Fundamentalisten hatten doch keinen Sinn für griechische Wissenschaft. Der Moderator bedankt sich beim muslimischen Arzt für die arabische Aristoteles-Treuhänderschaft. Bahr ist Aristoteles nun doch zu lange her. Der Ex-Bundesminister blickt latent allwissend. Schoeps interessiert, was für Bahr denn der Gegenpol zum Fundamentalismus wäre. Na, die plurale Vernunft!, erklärt Bahr kühl. Schoeps lächelt ungläubig. Wahrscheinlich denkt er an Israel. Und wie macht man das, plurale Vernunft?, fragt der Vertreter des jüdischen Standpunkts. Ganz einfach, sagt Bahr. Man akzeptiert die Charta der Vereinten Nationen! Schoeps lächelt immer noch. Der Ex-Bundesminister ruft in den Saal, dass seit dem 11. September etwas Außerordentliches geschehen sei, an das niemand mehr geglaubt habe: "Der mächtigste Staat der Welt redet wieder von den Vereinten Nationen und zahlt sogar seine Schulden zurück!" Bahr, immer noch mit Weltgeisterblick, denkt an eine neue globale Allianz und ergänzt beiläufig: "Man müsste dann natürlich auch ein bisschen was gegen die Ungerechtigkeit tun." Seitenblick auf den Vertreter des jüdischen Standpunktes. Schoeps schaut nicht zurück.

Welt-Gerechtigkeit. Das Wort trifft tiefer als alle amerikanischen Bomben. Was sich als religiöses Phänomen gibt, hat außerreligiöse Ursachen, das weiß jeder hier. Die westlichen Gesellschaften haben mit der Modernisierung über Jahrhunderte ihr Selbstverständnis ausgebildet. Traditionalen Gesellschaften begegnen sie nur von außen.

Fundamentalismus ist eine falsche Reaktion auf eine Kette von Fehlern in der Welt, sagt Nadeem A. Elyas und hat den Beifall des Saales. Der schwäbische Theologe von der Stiftung Weltethos findet, dass es allerhöchste Zeit wird für die Schaffung eines Weltethos. Der 11. September habe seine Stiftung besonders schwer getroffen, da sie 2001 als "Jahr des Dialogs der Kulturen" ausgerufen habe. Das hat Bin Laden nicht gelesen, argwöhnt Egon Bahr. Bahr glaubt nicht an ein Weltethos, auch nicht an Schröders "uneingeschränkte Solidarität", sondern eher an eine neue Chance: Wir dürfen nicht warten, bis der Rest der Welt demokratisch ist und nach unseren Regeln die Menschenrechte befolgt. Das einzige Ordnungsgefüge ist das von Staaten!, sagt er.

Und plötzlich weiß jeder in der Akademie der Künste, woran Bahr wirklich denkt. An eine neue Ost-Politik. An das, was dem politischen Alltagsverstand so unannehmbar erscheint: das Aufgeben der Position der Stärke. Dabei gelang es schon einmal, gegenüber dem letzten Fundamentalismus. In seiner Fähigkeit zur Selbstreflexivität liegt wohl die wahre Überlegenheit des Westens. Sich und den anderen denken. Das vermag kein Fundamentalismus. Das unterscheidet Zivilisation von bloß gewachsener Kultur.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben