Kultur : Guten Morgen, liebe Sorgen Schindhelms erster Tag als Stiftungsdirektor

Frederik Hanssen

Nein, sagt Michael Schindhelm, der Marathon-Typ sei er nicht. „Eher ein Spaziergänger, aber mit scharfem Schritt.“ Mächtig Tempo hat er an seinem ersten offiziellen Arbeitstag als Direktor der Berliner Opernstiftung tatsächlich vorgelegt – und dabei vermutlich an die 42 200 Worte gesprochen. In der Komischen Oper fing der Parcours an: der Neue oben auf der Bühne, flankiert vom Hausherrn Andreas Homoki, das Ensemble unten im Zuschauerraum. Dasselbe dann in der Staatsoper und beim Staatsballett, gefolgt von zwei Führungen durch die Werkstätten der beiden Mitte-Bühnen. Dass sein Antrittsbesuch bei der Deutschen Oper erst am Dienstag folgt, habe nichts mit Prioritätensetzung zu tun, betont Schindhelm: „Es war mir wichtig, dass Kirsten Harms dabei ist, die erst dann von einer Reise zurückkehrt.“

Der Herr Direktor will sich nicht als big boss präsentieren, sondern als Kollege. Wie man mit verunsicherten Belegschaften umgeht, hat Schindhelm bei seinen Intendanten-Stationen in Nordhausen und Gera/Altenburg gelernt. Kein Anzug also, keine Krawatte, sondern Dreitagebart, Jeans und ärmelloses Shirt unterm schwarzen Blazer. Gerald Gnausch, Klarinettist im Orchester der Komischen Oper, hat das gut gefallen: „Er war sehr leger, hat von sich erzählt, dass er ein Theatermann ist, kein Manager.“ Und er hat von „wir“ gesprochen, als es um die Stiftung ging. „Guten Tag sagen“, nennt Schindhelm das. Ein symbolischer Akt, der von den Mitarbeitern geschätzt wird. Schließlich wird der Stiftungsdirektor fortan vor allem mit den Leitungsteams der Häuser zu tun haben. Seine Büroadresse – Unter den Linden 41 – klingt nobler, als sie ist: Weil die Personalabteilungen der drei Opern in einer Mietetage des Handelszentrums an der Friedrichstraße zusammengezogen wurden, standen Zimmer im Verwaltungsgebäude der Komischen Oper zur Verfügung, einem Monument real existierender Plattenbaukunst.

Ein Glamour-Typ ist der 44-Jährige ohnehin nicht. Mehr Glanz wünscht er sich eher für die Aufführungen – und da liegt in Berlin tatsächlich manches im Argen. Um die Stimmung zugunsten der Opernhäuser zu wenden, bräuchte es einen „New Deal“, findet Schindhelm – so wie ihn Präsident Roosevelt in den Dreißigerjahren realisiert hat: Rein wirtschaftlich brachte die Kampagne wenig, doch nach den depressiven Jahren kam wieder Optimismus auf. Beim Deutschen Theater konnte man es jüngst beobachten: Ein, zwei Erfolge, und der Bann ist gebrochen. „Nichts“, so Schindhelm, „verkauft sich so gut wie das, was ausverkauft ist.“

Dass Schindhelm seinen Job erst antreten konnte, nachdem ein Ehrenrat seine Vergangenheit durchleuchtet und ihn vom IM-Vorwurf entlastet hat, war übrigens kein Thema in der Komischen Oper nach der Präsentation des Stiftungschefs, berichtet Gerald Gnausch: „Jetzt zählen nur noch Leistungen.“

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