Kultur : Gutenbergs letzter Ritter Zum Tod des Medien-Denkers und Kulturkritikers Neil Postman

Norbert Bolz

Wenn das Buch eines Wissenschaftlers zum Bestseller aufsteigen soll, muss der Titel das Zeug zum Slogan haben. Neil Postman ist das mit „Amusing Ourselves to Death“ gelungen: Wir amüsieren uns zu Tode. Dieses schmale Bändchen hat die fröhliche Medientheorie Marshall McLuhans sehr geschickt in die düstere Tonart des Kulturpessimismus transponiert, auf die die deutsche Öffentlichkeit durch Theodor W. Adornos Thesen zur Kulturindustrie schon eingestimmt war. Man konnte sich wieder über den Untergang des Abendlands ereifern, diesmal in Gestalt des Übergangs unserer Kultur vom Buch zum Fernsehen.

Wie Adorno ging auch Postman davon aus, dass unsere Gegenwart nicht Orwells „1984“, sondern Huxleys „Schöner Neuer Welt“ gleicht: Wir würden nicht durch einen Großen Bruder überwacht, sondern durch Lust-Impulse ferngesteuert. Öffentlichkeit sei nicht der Schauplatz bürgerlichen Räsonnements, sondern reiner Unterhaltung. Und Begriffe wie „Infotainment“ machten deutlich, dass die Allgegenwart des Amusements auch vor politischen Nachrichten nicht Halt mache. Wir konsumieren Informationen wie andere Waren auch, und die Sendeprinzipien des Fernsehens stellen sicher, dass keine Zusammenhänge zwischen den Nachrichten entstehen.

Sehr schön sprach Postman einmal vom „context of no context“ – der Zusammenhang dessen, was „Tagesschau“ oder „heute“ senden, würde dem des Kreuzworträtsels gleichen. Statt darzustellen oder gar zu argumentieren, reduziere das Fernsehen die Weltereignisse auf Sensationen, Slogans und Aufgeregtheiten. Insofern diene die Sprache des TV-Zeitalters nicht der Kommunikation, sondern der Antikommunikation.

Das Fernsehen erschien Postman ganz fraglos als ein Leitmedium, durch das Wahrheiten definiert werden, die führenden Medienmetaphern schematisieren die Welt. Nicht nur, was wir von der Welt wissen, sondern auch, wie wir es wissen, werde vom Fernsehen diktiert. Gerade deshalb aber ist Postman niemals dem Wahn erlegen, man könne das Fernsehen in ein Medium der Aufklärung verwandeln, indem man das Niveau der Sendungen anhebe. Dass selbst das „anspruchsvolle Programm“ nicht die Lösung des Problems Fernsehen, sondern das Problem selbst ist, gehört zu den wichtigsten Einsichten Postmans. Er ließ keinen Zweifel daran, dass „junk“ das Beste am Fernsehen ist – Nonsense also. Denn Gefahr droht unserer Kultur nicht von Stefan Raab, sondern von Roger Willemsen.

Hinter jeder Kulturkritik steckt ein frustrierter Pädagoge. 1995 legte Neil Postman in seinem Buch über das „Ende der Erziehung“ die Wurzeln seines Denkens frei. Postman war von Hause aus Lehrer. Er kannte also dessen Grundproblem: Erziehung impliziert Allmählichkeit, deshalb zerstört die Beschleunigung der modernen Gesellschaft die Bedingungen der Möglichkeit von Erziehung. Indem die Bildungsanstalten auf diese Misere mit Anstrengungen reagierten, die „Lernfähigkeit überhaupt“ zu steigern, also: das Lernen lehren zu wollen, verfielen sie der Gefahr des Technizismus. So forderte er wieder Substanz statt Funktion.

Der Grundgedanke ist alt und von einer bewundernswerten Naivität: Wir brauchen neue Götter, neue geistige Inhalte. Wir brauchen Nietzsches „mythischen Horizont“, um unsere Kultur abzuschließen. Postmans Pädagogik hatte den fabelhaften Mut, das Ende der großen Entwürfe zu widerrufen: Die großen Erzählungen sind nicht tot, denn sie sind unverzichtbar. Sie sind möglich, weil wir sie nötig haben. An diesem Pädagogengrößenwahn ist weniger interessant, dass Erziehung eine Kultur im Zaum halten sollte, die sich über die Neuen Medien längst eigene Inhalte erschlossen hatte. Vielmehr werden wir Postman, der am Sonntag 72-jährig in New York starb, als letzten Ritter der Gutenberg-Galaxis in Erinnerung behalten. Ihm flogen die Sympathien der digitalen Analphabeten zu. Die Medienwissenschaftler sind längst über ihn hinweggegangen.

Der Autor lehrt Medienwissenschaften an der TU Berlin.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben