Kultur : Guter Geist der Großstadt

Diskreter Superheld: zum Tod der Comic-Legende Will Eisner

Marc Degens

Der Mythos New York prägte die Bilderzählungen von Will Eisner ebenso sehr, wie er die Filme Woody Allens oder die Songs von Lou Reed beeinflusste. Eisner kam am 6. März 1917 in Brooklyn zur Welt, wuchs in der Bronx auf und veröffentlichte seine ersten Comicarbeiten noch während der Schulzeit. Als Neunzehnjähriger gründete er gemeinsam mit dem Redakteur Jerry Iger und 35 Dollar Startkapital eines der ersten Comicstudios. Schon bald beschäftigte das Studio zwanzig Zeichner, darunter den späteren Batman-Erfinder Bob Kane und Jack Kirby (Captain Amercia, Hulk, X-Men).

Die Gründung des Studios fiel in die Zeit, in der sich der Comic künstlerisch emanzipierte. Über vier Jahrzehnte lang waren Comics bloß Zeitungsbeiwerk gewesen: gestalterisch beschränkt auf die zugewiesene Größe, das Format und die Möglichkeiten des Rotationsdrucks, inhaltlich auf den Geschmack der jeweiligen Leserschaft. Erst die eigens für die Hefte produzierten Comics lösten die Fesseln. Bilder wurden bunt, Panels unterschiedlich groß, Geschichten lang und länger. Will Eisner zerschnitt Originale, experimentierte mit der Größe, Gestalt und Anordnung der Bilder und schuf eine neue Comic-Ästhetik, die bis heute Gültigkeit besitzt.

1940, zwei Jahre nach dem sensationellen Debüt von Superman, veröffentlichte Eisner die Serie, die ihm für alle Zeiten einen Platz im Comicolymp sichert: „The Spirit“, der erste Superheldencomic ohne Superheld. Der „Spirit“ alias Privatdetektiv Denny Colt verfügt über keine übernatürlichen Kräfte, trägt statt eines Kostüms bloß eine Augenmaske und lebt in einem Geheimversteck unter einem Friedhof von „Central City“ – eine finstere Metropole im Film-Noir-Gewand, unschwer als New York zu identifizieren. Deren Bewohner sind das eigentliche Thema der Serie. Es handelt sich meist um Außenseiter, Ausrangierte, Arbeiter und Angestellte ohne Namen. Während der „Spirit“ häufig nur am Rande oder im letzten Bild in Erscheinung tritt, erzählt der Comic ihre Geschichte. Mit Witz und Ernst, ohne Zynismus und übertriebenes Pathos. Dieser Realismus war für das Medium neu.

Auch künstlerisch beschritt Eisner mit „The Spirit“ neue Wege. Vor allem die häufig ganzseitigen Eröffnungspanels, in denen er die Titelschriftzüge als Papierfetzen, Reklametafeln oder Wasserpfützen spektakulär einarbeitete, wurden für künftige Zeichnergenerationen vorbildlich. 1950 beendete Eisner vorläufig seine Arbeit an „The Spirit“, versuchte sich als Verleger und wurde von 1951 bis 1972 Herausgeber der Armeezeitschrift „PS“, für die er den satirischen Lehrcomic „Joe Dope“ zeichnete. 1972 wurde er Dozent für Comics an der School of Visual Arts in New York. Die daraus hervorgegangene Essaysammlung „Comics & Sequential Art“ wurde eines der ersten Standardwerke.

1978 veröffentlichte Eisner in einem kleinen literarischen Verlag den Band „A Contract with God“, eine Comic-Kurzgeschichtensammlung über ein Mietshaus in der Bronx zur Zeit der Depression. Dafür kreierte er den Begriff der „graphic novel“: „Die graphic novel bedarf ernsthafter Zeichner und Autoren, die davon überzeugt sind, dass die sequentielle Kunst mit ihrem Wechselspiel aus Worten und Bildern eine Form der Kommunikation bietet, die sich wie die Literatur – hoffentlich auf einem bisher nicht gekannten Niveau – mit dem Wesen des Menschen auseinandersetzt.“ In der Folgezeit schuf Eisner unermüdlich neue Comicerzählungen, die diesen hohen Anspruch erfüllten, darunter seine 1991 veröffentlichte Autobiographie „To the Heart of the Storm“.

Will Eisner war einer der bedeutendsten und einflussreichsten Comicmacher und -vermittler – und Namenspatron der seit 1988 jährlich verliehenen wichtigsten amerikanischen Comic-Auszeichnung. Am Montag ist Will Eisner im Alter von 87 Jahren nach einer Herzoperation gestorben.

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