Kultur : Guter Nutzwert

Zum Tod des Schriftstellers Peter O. Chotjewitz

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Als unter dem Eindruck der Studentenrevolte im berühmten Kursbuch 15 „Der Tod der Literatur“ verkündete wurde, wollte sich auch der seinerzeit in Italien weilende Peter O. Chotjewitz keine Blöße geben: „Literatur ist in jeder Form unnütz“ verkündete er 1969. Zuvor hatte er selbst mit mehreren Büchern versucht, die klassische Form des Romans zu zerstören, mit Romanparodien, mit Parodien auf Romanparodien und mit einem Roman namens „Roman“, einer Ansammlung von kurzen, zum Teil sich wiederholenden Textabschnitten, Erinnerungsfragmenten und vor allem Fotos, auf denen entweder der nackte Chotjewitz oder seine Schuhe zu sehen sind: „Die Schuhe sind die Toten, die Akte das Leben.“

Mochte Chotjewitz die Literatur für unnütz halten, so blieb er ihr doch treu. Er schrieb Bücher, die zunächst einerseits der Collage- und Montagetechnik der Popliteratur nach amerikanischem Vorbild verpflichtet waren, andererseits primär auf einem politischen Engagement beruhten. Das brachte die Zeit mit sich, in der Chotjewitz anfing zu schreiben, das hatte aber auch viel mit seiner Biografie zu tun: Geboren 1934 in Berlin-Schöneberg als Sohn eines Malermeisters, trat er beruflich erst in die väterlichen Fußstapfen, um dann 1955 auf dem Abendgymnasium das Abitur nachzuholen und in Frankfurt am Main und München Jura zu studieren (später kamen noch Publizistik und Philosophie dazu). Chotjewitz engagierte sich in Schriftstellerverbänden, war Wahlverteidiger von Andreas Baader und Peter Paul Zahl – und schrieb 1977 einen „biografischen Bericht“ namens „Der Dreißigjährige Friede“, in dem er sich nicht nur von seinen juvenilen Formexperimenten verabschiedet, sondern auch die bewegten Jahre zwischen Studentenrevolte und RAF-Terror distanziert Revue passieren lässt. Doch auch in Folge hielt er sich an sein Credo, „die Gegenstände, so wie sie sind, dem Leser zu überreichen“. So etwa in „Saumlos“, einer aufschlussreichen Materialsammlung über den Antisemitismus in Hessen. Oder in den kurzweiligen, 2007 erschienenen „Fast letzten Erzählungen“, in dem er den Tod fast lässig mit ein paar klugen Gedanken zu verscheuchen versucht. Am Mittwoch ist Peter O. Chotjewitz in Stuttgart gestorben. Gerrit Bartels

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